Mit diesem Buch ist es Peter Singer gelungen, eine gewiss in dieser Form einmalige Geschichte festzuhalten. Die Biographie von Henry Spira liest sich stellenweise wie ein aufregender Roman. Sein Lebensweg war so eng mit vielen wichtigen Momenten der amerikanischen Geschichte verknüpft, dass man sich teilweise ein bisschen an »Forrest Gump« erinnert fühlt.
Doch Spiras Leben war kein guter Kinofilm, es war real. Das zeigen nicht nur die beeindruckenden Fotos seines Lebens und seiner Aktionen im Mittelteil des Buches, sondern vor allem seine Erfolge, die ja immer noch tagtäglich vielen Tieren Schmerzen und Leiden erspart.
Das Buch zeichnet sich auch dadurch aus, dass viele prinzipielle Fragen zur Tierrechtsbewegung (wie z. B. zur Gewaltanwendung) sorgfältig behandelt werden, die Erzählung aber trotzdem immer erfrischend bleibt und bisweilen auch komische Momente enthält. Die Beschreibung der Szene, in der ein passendes Kondom für den Perdue-Vogel gesucht wird, ist hierfür ein schönes Beispiel.
Welche Erkenntnisse kann die deutsche Tierrechtsbewegung aus diesem Buch gewinnen? Ich denke, zwei wichtige Aspekte sollten hier hervorgehoben werden:
Zum einen haben wir es hier mit einem wertvollen Lehrbuch zu tun, welches Einblick in die Strategien, Erfolge und Probleme der Tierrechtsbewegung bietet. Es ist immer wieder verblüffend, mit welchem Geschick und Ideenreichtum Spira vorging und wie er eine Kampagne immer mit einem realistischen Ziel verband.
Wie zu lesen ist, machte sich Spira mit dieser Strategie nicht nur Freunde. Viele Aktivisten sahen hier einen Verrat an der Tierrechtsidee, welche nicht Reform, sondern die Abschaffung jeglicher Tierausbeutung verlangte. Doch die Erfahrungen aus der Menschenrechtsbewegung sagten ihm, dass Wandel nur schrittweise möglich ist und es ohne Reform auch keine Abschaffung gibt.
Spira ging es nicht um seine moralische Reinheit, sondern um reale Veränderungen. Seine nicht bestreitbaren Erfolge sollten die Seite derer, welchen es nicht immer um alles (und damit letztlich um nichts) geht, Auftrieb verleihen.
Der andere Aspekt könnte sich für die deutsche Tierrechtsbewegung als noch bedeutender erweisen. Eine wichtige Grundüberzeugung Spiras lautete: Teile die Welt nicht in Heilige und Sünder ein. Gemäß diesem Grundsatz hatte er auch keine »Berührungsängste«, mit Vertretern von Kosmetik- oder Fast-Food-Firmen zu sprechen. Dies mag zwar auch taktisch durchaus klug gewesen sein, in erster Linie aber kam hier Spiras Lebensphilosophie zum Ausdruck: »Menschen können sich ändern. Ich habe früher Tiere gegessen und mich dabei nie als Kannibale gefühlt.«
Wie weit sich manche Teile der deutschen Tierrechtsbewegung in diesem Punkt von Spira unterscheiden, zeigt sich leider oft schon im Umgang »untereinander«, wenn die Aufteilung »Heilige und Sünder« schon bei der Beurteilung des Mitmenschen nach seiner »veganen Weste« beginnt.
Wie absurd dies ist, kann man sich an folgender Analogie verdeutlichen:
Eine Frau setzt sich stark für Menschen in der sog. »Dritten Welt« ein. Sie konzentriert sich vor allem auf die Schaffung von Arbeitsprojekten, deren Produkte erfolgreich in »Dritte-Welt-Läden« verkauft werden.
Ein paar Leute, die sich auch in diesem Bereich engagieren, trafen sich mit dieser Frau in einem Restaurant. Als die Leute ankamen, stellten sie entsetzt fest, dass sich die Frau einen Kaffee bestellt hatte. Der Gruppe war sofort klar, dass dies mit Sicherheit ein »Ausbeuter-Kaffee« war und konnten unter diesen Umständen nicht mit dieser Frau zusammenarbeiten.
Dies ist natürlich eine Geschichte, die in der Wirklichkeit nicht vorkommt, eine ähnliche Variante übersetzt in die Tierrechtsbewegung wäre aber völlig normal. Das Beispiel ließe sich wohl eher noch verschärfen.
Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Natürlich ist es wichtig, so gut es geht die Nachfrage nach tierlichen »Produkten« zu vermindern und die Alternativen zu fördern, aber man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses gesellschaftliche Ziel etwas aus den Augen geraten ist und es nur noch um persönliche Reinheit geht. Veganismus wird so zur Glaubensfrage und zur Ersatzreligion.
Zwei fatale Auswirkungen bringt dieser dogmatische Veganismus zwangsläufig mit sich:
Zum einen werden Mitmenschen nur noch über bestimmte Eigenschaften und »Leistungen« definiert und damit auf einen Teil ihrer Persönlichkeit reduziert.
Zum anderen schaufelt sich die Tierrechtsbewegung ihr eigenes Grab, da sie auf diese Weise niemals ihrem eigenen Anspruch gerecht werden kann und somit notorisch angreifbar und widersprüchlich bleibt. Auch wenn die »Inhalts-Stoffe«-Grenze eine augenscheinliche ist, so ist sie letztlich dennoch dem Vorwurf der Willkür ausgesetzt. Weshalb gerade hier die »entscheidende« Grenze ziehen, weshalb genau hier stehenbleiben?
Würde die Tierrechtsbewegung sich offener mit dem Gedanken auseinandersetzen, dass es um das Wesentliche geht (und es letztlich auf der praktischen Ebene auch nur um das Wesentliche gehen kann), ließen sich auch Angriffe auf die vermeintlichen Inkonsequenzen des Veganismus auf einer ganz anderen Ebene beantworten.
Eine phantasievolle, undogmatische, fair miteinander kommunizierende und zugleich selbstkritische Tierrechtsbewegung könnte die Tierrechtsidee in Deutschland neu beleben, um die es auf der theoretischen und praktischen Ebene eher ruhig geworden ist.
Ein über zwanzig Jahre altes Foto, auf dem, neben Spira selbst, die Philosophen Singer, Regan, Rachels und Clark zu sehen sind, verbildlicht diese Einigkeit und Aufbruchstimmung, in der die Grundidee, trotz verschiedener Ansichten zu einzelnen Dingen, allen gemeinsam ist.