Ein erfreuliches Phänomen gewinnt durch diese Arbeit weiter an Kontur. Die Tierethik breitet sich als ernsthaftes wissenschaftliches Forschungsgebiet aus.
Die akribische Genauigkeit, mit der in dieser Arbeit auch wenig bekannte Positionen durchleuchtet werden, ist wirklich verblüffend.
Von der notwendigen wissenschaftlichen Trockenheit (allein über 900 Fußnoten!) kann man sich aber anfangs etwas abschrecken lassen. Durch die Zergliederung der Modelle in ihre Bedeutung in bezug auf die genannten »Schlüsselwörter« verliert die Darstellung der Konzepte etwas an Übersicht und Lesbarkeit. Hier wird von den Lesern durchaus Durchhaltevermögen verlangt.
Wer dieses aber besitzt, wird beim anschließenden Vergleich und der kritischen Diskussion belohnt. Der Vorteil der Methodik wird durch die verbesserte Vergleichbarkeit der Modelle sichtbar und Röcklinsberg kann in ihrer kritischen Würdigung durchaus überzeugen.
Diese Überzeugungskraft lässt aber (zumindest für Nicht-Gläubige) exakt bei der Entwicklung ihrer eigenen theozentrischen Position stark nach.
Röcklinsberg ist sich natürlich der Problematik einer glaubensabhängigen Tierethik bewusst, verteidigt aber ihren Ansatz, indem sie knapp behauptet, »daß sich keine Ethik ganz unabhängig von einer grundlegenden Lebensanschauung entfalten läßt.«
Der Unterschied liegt für Röcklinsberg nur darin, dass die Lebensanschauung »in den theologischen tierethischen Modellen ziemlich explizit zum Ausdruck kommt, wohingegen es in den philosophischen Modellen wahrscheinlich nur implizit aufscheint.«
Um diese Behauptung zu falsifizieren, reicht ein Blick auf die ihrer Konzeption vorangestellten Prämissen:
»Grundlegend für eine theozentrische Position, wie sie im folgenden verstanden und formuliert wird, ist erstens der Glaube an einen Gott, der seine Schöpfung mit Liebe umfaßt, zweitens die Perspektive, daß dieser Gott das Zentrum des Lebens des glaubenden Menschen ist, und drittens die Auffassung, daß es keinen Grund dafür gibt, die Sphäre der moralisch relevanten Entitäten auf weniger als die Glieder von Gottes Schöpfung einzuschränken.«
Um es vorsichtig auszudrücken: Diese Prämissen sind extrem voraussetzungsabhängig (Gott existiert; Gott umfasst seine Schöpfung mit Liebe; Gott ist das Zentrum des glaubenden Menschen, usw.) und nicht vergleichbar mit anderen plausiblen Positionen, die mit weit schwächeren Prämissen auskommen.
Noch kritischer muss aber die (vorhersehbare) Problematik gesehen werden, dass ihr theologischer Ansatz eine klassische Doppelstandardtheorie ist, also Menschen und andere Tiere kategorial trennt und dadurch den größten Fehler begeht, den eine Tierethik begehen kann: Ihre Konzeption ist speziesistisch.
Dabei gibt Röcklinsberg erstaunlicherweise zu, wie unfair eigentlich diese Trennung ist, denn es »kann bei der Beschreibung eines spezifisch menschlichen Merkmals letztendlich nur auf die einfache Tatsache zurückgegriffen werden, daß Menschen von Menschen gezeugt und geboren werden.«
Respekt vor den Religionen gut und schön, aber speziesistische Religionen ernsthaft zu betrachen, erfordert vielleicht zuviel Toleranz. Wer würde ernsthaft über die Attraktivität von rassistischen religiösen Ansätzen nachdenken wollen?
Diesem Vorwurf weicht Röcklinsberg bewusst oder unbewusst durch den seltsamen Umstand aus, dass der Begriff des Speziesismus geradezu gemieden wird. Das speziesistische Denken zieht sich aber immer wieder durch die Arbeit (so z. B. durch die Schlüsselwörter »Menschenbild« und »Tierbild«, was ja in sich schon ein speziesistisches Element beinhaltet).
Inwieweit ihre praktischen Schlussfolgerungen, zu denen Röcklinsberg gelangt (z. B. theoretisch möglicher begrenzter Fleischverzehr) für die Tierrechtsbewegung akzeptabel sind, läuft durch diesen Standardfehler »außer Konkurrenz«, denn wenn die Prämissen schon speziesistisch sind, ist der Kampf um die attraktivste Tierethik schon vor der ersten Schlacht verloren.
Ein letztes Fragezeichen bleibt noch: Als Alternative zur utilitaristischen Tierethik ist ja Regans Ansatz entstanden. Dieser hätte eigentlich auf Röcklinsberg großen Eindruck machen müssen. In der Arbeit wird Regan aber nur nebenbei erwähnt und dazu noch fälschlicherweise als Pathozentriker bezeichnet.
Vielleicht sollte die Konzentration auf die deutschsprachigen Modelle nicht verwässert werden, anders lässt sich diese Merkwürdigkeit nicht erklären.