Wer eine erste allgemeinverständliche und preiswerte Einführung in die Tierethik sucht, liegt hier richtig. Besonders im Gegensatz zu Kaplans »Leichenschmaus« fällt angenehm auf, dass das Buch eine klare Struktur aufweist und ausführlich auf weiterführende Literatur verweist.
Positiv hervorzuheben ist die Darstellung der Konzeption von Tom Regan. Es scheint die erste sorgfältige Einführung in Regans Denken in einem günstigen Sachbuch in deutscher Sprache zu sein.
In einem Land, in dem die Philosophie traditionell kantianisch geprägt ist, ist das Bekanntwerden der zweiten tragenden Säule der Philosophie der Tierrechtsbewegung immens wichtig.
Singers Ansatz wird ja zumeist wegen der ethischen Grundkonzeption des Präferenz-Utilitarismus abgelehnt. Mitunter scheint schon fast die Überzeugung vorzuherrschen, eine herausfordernde Tierethik ließe sich nur utilitaristisch begründen. Mit Regan ist es mit dieser bequemen Sichtweise vorbei.
Bisweilen unangenehm fällt Kaplans »laute« Sprache auf. Es ist fraglich, ob dies in einem Buch, welches ja zum Nachdenken anregen soll, besonders klug ist, oder ob es eher störend wirkt (vom mehr als peinlichen Vorwort, in dem Kaplan mit seiner Ex-Frau »abrechnet«, ganz abgesehen).
Der größte Kritikpunkt an Kaplans Ausführungen bleibt die Frage nach dem Tötungsverbot, welche wiederholt unzureichend behandelt wird.
Bei der Darstellung des Konzeptes von Peter Singer wird die Tötungsproblematik einfach ausgeklammert. Kann man aber wirklich ein »globales Konzept« zur Tierethik angemessen darstellen, ohne diesen Punkt zu behandeln? Ist nicht gerade die Frage, welche Tiere unter welchen Umständen mit welcher Rechtfertigung getötet werden dürfen die brisante und umstrittene Frage der Tierethik?
Zwar ist »mildernd« anzumerken, dass Singer selbst die Leidensfähigkeit in den Vordergrund rückt und allein auf dieser Basis auf der praktischen Ebene eine Verpflichtung zum Vegetarismus ableitet. Dieser Punkt wird oft genug übersehen. Meist wird eine Verpflichtung zum Vegetarismus fälschlicherweise mit einem absoluten Tötungsverbot verknüpft.
Heikel wird die Sache aber, wenn Kaplan Singers Utilitarismus kritisiert, und zwar hauptsächlich im Bereich der Tötungsproblematik, ohne diese Position überhaupt ausreichend beschrieben zu haben. Um hier aufzuzeigen, wie »gut« das Gleichheitsprinzip in der praktischen Anwendung ist, wie unakzeptabel dagegen der Utilitarismus, geht Kaplan sogar unnötigerweise kurz auf die Euthanasie-Debatte ein:
»Im ersten Fall kann ich zum Schluß kommen, daß der Behinderte aufopfernd gepflegt werden soll, im zweiten Fall, daß er umgebracht werden soll!«
Kein Wort davon, dass es bei der Euthanasie-Debatte ein entscheidender Punkt ist, dass es um Neugeborene geht und um deren moralischen Status, nicht um den von behinderten Menschen. Völlig unverständlich, denn Kaplan hat z. B. in dem Artikel »Euthanasie und Emotion - Warum Peter Singers Thesen die Gemüter erhitzen« durchaus die Fähigkeit zur differenzierten Betrachtung bewiesen und dies auch von anderen eingefordert. Kurz auf die Euthanasie-Debatte eingehen, quasi nebenbei, das muss schiefgehen. Und das müsste Kaplan eigentlich auch selbst wissen.
Überhaupt bleibt Kaplans Kritik am Utilitarismus halbherzig, da er selbst in vielen Büchern ein auf Interessen basierendes Gleichheitsprinzip vertritt. Im Gegensatz zum Utilitarismus vertritt aber Kaplan ein Gleichheitsprinzip, welches nicht die Interessensbefriedigung maximiert, sondern sich am einzelnen Betroffen orientiert.
Wie das aber letztlich gehen soll, bleibt sein Geheimnis. Bedeutet dies nun, dass der Betroffene mit dem »größten« Interesse bevorzugt werden soll, egal, wer sonst noch alles betroffen ist? Und wenn es so ist, bedeutet das nun, dass das Überlebensinteresse jedes Tieres (und jedes Menschen?) gleich hoch zu bewerten ist? Hier stapeln sich die Fragen.
Kaplans »notwendige Präzisierungen« hinsichtlich der Anwendungsbedingungen des Gleichheitsprinzips (»Größere Interessen sollen eine größere Rolle spielen« - »Kleinere Interessen sollen eine kleinere Rollen spielen«) »riechen« jedenfalls auch stark nach Maximierung (Kaplan: »Wir addieren die Interessen der Betroffenen ...«) und sind eigentlich völlig überflüssig.
Es ist zwar durchaus möglich, eine interessensorientierte Moralkonzeption zu vertreten, welche keine utilitaristische Grundlage besitzt - dies ist z. B. bei Norbert Hoerster der Fall (siehe z. B. in »Abtreibung im säkularen Staat«). Aber selbst Hoerster geht für das Lebensrecht von einem »gewichtigen Überlebensinteresse« aus, welches letztlich ein gewisses Selbstbewusstsein des Lebewesens voraussetzt und kommt somit im Endeffekt zu ähnlichen Ergebnissen wie Singer.
Was die Sache noch bizarrer macht: Eine interessensorientierte Moralkonzeption könnte für nicht selbstbewusste Lebewesen eine gewisse »Ersetzbarkeit« vertreten (dieses Argument könnte unter der zweifelhaften Prämisse, dass Schweine sich nicht ihrer selbst bewusst sind, beispielhaft lauten: »Das Schwein hat das größte Interesse an Schweinefleisch. Wären alle Juden, gäbe es überhaupt keine Schweine.«). Unter Umständen könnte also auch mit Kaplans Ansatz »biologische Tierzucht« gerechtfertigt werden. Eine Alternative, die Kaplan aber an anderer Stelle als »geballten Wahnsinn« ablehnt.
Kaplan müsste hier endlich mal Farbe bekennen und darstellen, wie er sich das Gleichheitsprinzip speziell in der Tötungsproblematik vorstellt. Ansonsten bleibt »sein« Gleichheitsprinzip an einer entscheidenden Stelle inhaltslos.
Kaplans beliebtes »Totschlagargument« in verschiedenen Variationen »Stellen wir uns vor, es wären Menschen ...« reicht auf die Dauer jedenfalls nicht. Es ist ja gerade »der Witz«, dass nichtmenschliche Tiere eben keine Menschen sind.