Es gibt eine Neuigkeit zu verkünden: Veritable Tierrechtler/innen und Tierbefreier/innen halten Einzug in die gehobene Literatur! Zunächst erst im englischsprachigen Kulturraum, wo sie bekanntlich im realen Leben eine größere Rolle spielen als bei uns. Aber dieses Buch und das demnächst zu besprechende mit dem Titel »Fleischeslust« des amerikanischen Autors T.C. Boyle aus dem Hanser-Verlag zeigen eines auf: Wenn die Verbreitung der Tierrechtsgedanken einen gewissen Umfang erreicht hat, werden sich auch Schriftsteller und Dichter, die die heutige Realität in ihren Werken spiegeln, zur Darstellung solcher neuartigen Ideen und ihrer Träger/innen aufgerufen fühlen.
Coetzees Konstruktion seiner Geschichte ist von höchstem Raffinement. Seine Hauptfigur Elizabeth Costello verkörpert keine blauäugige Heldin; sie ist nicht einmal jung und hoffnungsvoll. Sie ist einfach zu einer Erkenntnis vorgestoßen, von der sie nicht mehr zurück kann: Sie hat begriffen, daß die Menschheit die Tiere wie Sklaven und rechtlose Kriegsgefangene behandelt. Auf die Frage ihres Sohnes: »Und davon willst du die Menschheit heilen?« antwortet sie: »John, ich weiß nicht, was ich will. Ich will nur nicht stumm dasitzen.«
In ihren intellektuell anspruchsvollen Ausführungen, die geschickt von Essenspausen, Familiengesprächen und Publikumsfragen durchbrochen werden, bewegt sie sich bei aller Kühnheit auf wissenschaftlichem Niveau und zitiert nach gut akademischer Art bekannte Verhaltensforscher ebenso wie Aristoteles und Plutarch und Kafka. Dabei bleibt sie verbindlich bis zu einem Grad, daß ihr Eingehen auf die - keineswegs immer dummen - Einwände der beamteten Gelehrten vom Appleton College und auf ihre feindselige Schwiegertochter fast zu entgegenkommend wirkt.
Der Autor läßt sie sogar Lederschuhe und eine Ledertasche tragen, obwohl sie selbst das als obszön empfindet. Wie gesagt, diese Elizabeth ist keine Kämpferin ohne Fehl und Tadel, sondern ein wahrheitssuchender Mensch, der weiß, daß ihn seine Gedanken so weit von den traditionellen Wegen wegführen, daß eine »vernünftige« Einigung mit den Gegner/innen auf einer mittleren Ebene nicht mehr möglich ist. »Wenn es die Vernunft ist, die mich vom Kalb trennt, dann besten Dank, nein danke, dann rede ich lieber mit einem anderen«, sagt sie gegen Ende der Veranstaltung, als ihr die Geduld ein wenig zu reißen beginnt. Nein, nicht diese Vernunft, die als Legitimation für die todbringende Überheblichkeit gegen die Tiere dient.
Coetzee riskiert sogar den »verbotenen Vergleich«, den er einen jüdischen Professor in einem Brief an Elizabeth formulieren läßt: »Wenn wir es ablehnen, mit den Henkern von Auschwitz unser Brot zu brechen, können wir dann weiter unser Brot mit den Schlächtern von Tieren brechen?« Der Professor selbst lehnt diesen Vergleich mit einer religiösen Begründung ab - weil der Mensch nach dem Bilde Gottes geschaffen sei. Für Elizabeth, die nicht religiös ist, bleibt aber eben die Bestürzung über die Greuel, zu denen der Mensch gegen Menschen fähig ist, wenn er sie vorher entsprechend herabgewürdigt hat, der Bezugspunkt. Erst ganz am Schluß, als ihr Sohn sie wieder zum Flughafen bringt, wagt sie es, das ganze Ausmaß ihrer revolutionären Gedanken anzudeuten. Sie kommen ihr selbst »so ungeheuerlich vor, daß sie am besten in ein Kissen gesprochen werden«. Auf Johns Frage, was das sei, was sie nicht sagen könne, läßt sie ihn einen Blick in ihre radikale Einsamkeit tun:
»Daß ich nicht länger weiß, wo ich mich befinde. Es hat den Anschein, als bewegte ich mich völlig ungezwungen unter den Menschen, als hätte ich völlig normale Beziehungen zu ihnen. Ist es denn möglich, frage ich mich, daß sie alle an einem Verbrechen unvorstellbaren Ausmaßes teilhaben? Phantasiere ich mir das alles zusammen? Ich muß wohl verrückt sein. Aber tagtäglich sehe ich die Beweise. Eben die Leute, die ich verdächtige, liefern den Beweis, stellen ihn zur Schau, bieten ihn mir an. Leichen, Leichenteile, die sie mit Geld gekauft haben.
Es ist, als würde ich Freunde besuchen und eine höfliche Bemerkung über die Lampe in ihrem Wohnzimmer machen, und sie würden sagen: »Ja, sie ist nett, nicht wahr? Sie ist aus polnisch-jüdischer Haut gefertigt, wir finden ,die ist beste Qualität, die Haut von polnisch-jüdischen Jungfrauen.« Und dann gehe ich ins Bad, und auf der Seifenhülle steht: »Treblinka - 100% menschliches Stearin.« Träume ich, frage ich mich? Was ist das für ein Haus? Doch ich träume nicht. Ich schaue in deine Augen, in Normas Augen, in die Augen der Kinder, und ich sehe nur Freundlichkeit, menschliche Freundlichkeit. Beruhige dich, sage ich mir ... Alle andern finden sich damit ab, warum kannst du es nicht? Warum kannst du es nicht?«
Diese hochintelligente Erzählung mag nicht jedermann, jederfrau zugänglich sein, aber sie ist eine Herausforderung an einen Leserkreis, der sich (z.B.) Kafka zutraut oder sich (z.B.) von Thomas Mann auf komplizierte Gedankengänge führen läßt. Wer (wie wir alle) von Freunden, Verwandten, Bekannten umgeben ist, die sich der Tierrechtsfrage hartnackig verschließen, sollte es (vielleicht zu Weihnachten...) versuchen, einige davon auf diesem literarisch anspruchsvollen Weg zum Mitdenken zu zwingen - viele werden sich in John und Norma und den Gesprächsteilnehmern am Appleton College wiederfinden und sich auf dem von Coetzee provozierten Niveau mit der erfundenen Tierrechtlerin Costello beschäftigen müssen.
Sina Walden
(Zu diesem Buch bieten wir Ihnen auch eine Rezension von Ute Esselmann an.)
J.M. Coetzee
Das Leben der Tiere
Gebunden - ca. 80 Seiten
S. Fischer Verlag, Frankfurt, 2000
Preis: 10 Euro
ISBN 3-10-010817-5

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