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Ein Essay von Marguerite Yourcenar vorherige Seite Seite 2 / 2


Wer weiß, ob die Seele der Tiere im Staub versinkt?

Es scheint, daß eine der furchtbaren Ursachen für das Leiden der Tiere, wenigstens im Abendland, in dem biblischen Gebot Jehovas an den noch sündenlosen Adam zu finden ist, als er ihm die Völker der Tiere zeigte und ihm aufgab, ihnen Namen zu geben, und ihn zu ihrem Herrn und Meister bestimmte. Diese mythische Szene ist von orthodoxen Christen und Juden immer als Erlaubnis interpretiert worden, diese Tausende von Arten systematisch auszubeuten, die durch ihre von uns verschiedenen Formen die unendliche Vielfalt des Lebens ausdrücken und durch ihre innere Organisation, ihre Fähigkeit zu handeln, sich zu freuen und zu leiden, seine offensichtliche Einheit. Und dabei wäre es ganz leicht gewesen, den alten Mythos anders zu deuten: dieser Adam, noch unberührt vom Sündenfall, hätte sich ebenso gut in den Stand des Beschützers erhoben fühlen können, des Vermittlers, des Moderators der ganzen Schöpfung, er hätte von den Talenten Gebrauch machen können, die er im Übermaß bekommen hat, oder anders gesagt, von denen, die den Tieren verliehen worden sind, um das schöne Gleichgewicht der Welt zu vollenden und zu erhalten, über die Gott ihn nicht als Tyrann eingesetzt hat, sondern als Statthalter.

Dann hätte das Christentum auf jene erhabenen Legenden Nachdruck gelegt, die das Tier mit dem Menschen verbinden: Ochs und Esel, die das Jesuskind mit ihrem Atem wärmen; der Löwe, der fromm den Leichnam der Einsiedler bedeckt oder als Zugtier und Wachhund dem heiligen Hieronymus dient; die Raben, die die Eremiten in der Wüste ernähren, und der Hund des heiligen Rochus, der seinem Herrn die Nahrung bringt; der Wolf, die Vögel und die Fisch des heiligen Franziskus, die Tiere des Waldes, die bei dem heiligen Blasius Schutz suchen, das Gebet für die Tiere des heiligen Basilius von Caesarea oder der Hirsch als Träger des Kreuzes, das den heiligen Hubertus bekehrte (es ist eine der grausamsten Ironien der religiösen Folklore, daß dieser Heilige inzwischen zum Patron der Jäger geworden ist). Oder auch die Heiligen Irlands und der Hebriden, die am Ufer die verwundeten Reiher auflasen und pflegten, die die von der Meute umstellten Hirsche vor dem Tod schützten und die in Verbrüderung mit einem weißen Pferd starben. Es gab im Christentum alle Elemente einer Tierfolklore, fast so reich wie die des Buddhismus, aber der trockene Dogmatismus und die Priorität, die dem menschlichen Egoismus zugestanden wurde, haben sie hinweggefegt. Es scheint, daß in diesem Punkt eine als rationalistisch und laizistisch angesehen Bewegung, nämlich der Humanismus - in dem modernen und mißbräuchlichen Sinn des Wortes, wonach nur den menschlichen Unternehmungen Interesse zugebilligt wird - , in direkter Folge das Erbe dieses verarmten Christentums angetreten hat, dem die Kenntnis von den übrigen Lebewesen und die Liebe zu ihnen entzogen worden ist.

Noch eine andere Theorie schickt sich an, in den Dienst derer zu treten, für die das Tier keine Hilfe verdient und aller Würde entäußert ist, die wir, im Prinzip wenigstens und auf dem Papier, jedem Menschen zugestehen. In Frankreich und in allen von der französischen Kultur beeinflussten Ländern ist die »Tiermaschine« des Descartes ein Glaubensartikel geworden, der um so leichter akzeptiert wurde, als er die Ausbeutung und die Gleichgültigkeit begünstigte. Auch hier kann man fragen, ob nicht die Behauptung Descartes auf ihrem niedrigsten Niveau rezipiert worden ist. Die Tiermaschine, sicher, aber nicht mehr und nicht weniger als auch der Mensch eine Maschine ist, eine Maschine, um die Handlungen, Antriebe und Reaktionen hervorzubringen und anzuordnen, die die Empfindungen von Hitze und Kälte, von Hunger und Sättigung herstellen, den Sexualtrieb und auch den Schmerz, die Müdigkeit, den Schrecken, alles, was die Tiere genauso erleben wie wir. Das Tier ist eine Maschine, der Mensch auch, und es ist zweifellos die Furcht, die unsterbliche Seele zu lästern, die Descartes daran gehindert hat, die Hypothese offen voranzutreiben, die die Basis einer authentischen Physiologie und Zoologie hätte bilden können. Und Leonardo, wenn Descartes in der Lage gewesen wäre, seine Aufzeichnungen zu kennen, hätte ihm souffliert, daß letztlich Gott selbst »der erste Motor« ist.

Ich habe etwas weitläufig das Drama des Tieres und seine Urgründe beschworen. Beim gegenwärtigen Stand der Frage, in einer Zeit, da unser Mißbrauch sich hier wie in so vielen andere Punkten verschlimmert, kann man sich fragen, ob eine »Erklärung der Tierrechte« nützlich sein wird. Ich nehme sie mit Freude entgegen, aber schon murmeln gute Geister: »Fast zweihundert Jahre ist es her, daß eine »Erklärung der Menschenrechte« proklamiert wurde, und was ist daraus geworden? Keine Zeit hat mehr Konzentrationslager gekannt, keine hat so zu massiver Zerstörung menschlichen Lebens geführt, keine war leichter bereit, den Begriff der Humanität, noch bei den Opfern selbst, zu erniedrigen. Ist es angebracht, zugunsten der Tiere ein weiteres Dokument dieser Art zu verkünden, das - solange der Mensch selbst sich nicht ändert - ebenso fruchtlos bleiben wird wie die »Erklärung der Menschenrechte?«?« Ich glaube, ja. Ich glaube, daß es immer richtig ist, die Wahren Gesetze zu verkünden oder neu zu bestätigen. Sie werden dadurch nicht weniger übertreten, hinterlassen aber hier und da bei denen, die ihnen zuwiderhandeln, das Gefühl, Unrecht getan zu haben. »Du sollst nicht töten.« Die ganze Geschichte, auf die wir so stolz sind, ist ein fortwährender Bruch dieses Gesetzes.

»Du sollst die Tiere nicht leiden machen, oder wenigstens sollst du sie so wenig wie möglich leiden machen. Sie haben ihre Rechte und ihre Würde wie du selbst«, ist sicher eine recht bescheiden Mahnung; bei dem derzeitigen Zustand unseres Geistes ist sie leider fast subversiv. Seien wir subversiv. Revoltieren wir gegen die Unwissenheit, die Gleichgültigkeit, die Grausamkeit, die sich überdies nur deshalb so häufig gegen den Menschen wenden, weil sie an den Tieren eingeübt werden. Bedenken wir, da wir immer wieder alles auf uns selbst zurückführen müssen, daß es weniger mißhandelte Kinder gäbe, wenn es weniger gequälte Tiere gäbe, weniger plombierte Wagen, die die Opfer irgendwelcher Diktaturen in den Tod bringen, wenn wir uns nicht an die Waggons gewöhnt hätten, in denen Tiere auf dem Weg zum Schlachthof ohne Wasser und ohne Nahrung mit dem Tod ringen, weniger menschliches Wild, das von Schüssen niedergemacht wird, wenn der Geschmack am Töten und die Gewöhnung daran nicht das tägliche Brot der Jäger wäre. Und im bescheidenen Maß des Möglichen ändern wir (das heißt verbessern wir, wo wir können) das Leben.



1) »Qui sait si l'àme du fils d'Adam va en haut, e si l'áme des bètes va en bas.« So in der von M. Yourcenar zitierten französischen Bibelübersetzung.

2) Redewendung aus einem Märchen von Perrault, mit der Bedeutung »zu Hackfleisch zerstückelt«.

3) Nordafrikanisches Reiterfest A.d.Ü.



Dieser Text stammt aus dem Buch:

Marguerite Yourcenar
Die Zeit, die große Bildnerin
Gebunden, 314 Seiten
Carl Hanser Verlag, München, 1998
Preis: 23,50 Euro
ISBN 3-446-14297-5
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Aus dem Französischen von Sina Walden.
Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des
Carl Hanser Verlags. Alle Rechte vorbehalten.


• Über die Autorin
Marguerite Yourcenar wurde 1903 in Brüssel geboren. Sie studierte in Frankreich und England, bis sie, nach zahlreichen Reisen durch Europa, Amerika und den Vorderen Orient, Professorin für französische Literatur in New York wurde. Nachdem sie 1963 den Prix Combat und 1968 den Prix Fémina erhalten hatte, wurde sie 1971 in die Académie Royale Belge und 1980 als erste Frau in die Académie française aufgenommen. 1987 starb sie in den Vereinigten Staaten. In den Familiengeschichten und autobiographischen Romanen Gedenkbilder, Lebensquellen und Liebesläufe hat sie vor allem ihrem Vater und der europäischen Gesellschaft des 19. und einsetzenden 20. Jahrhunderts ein unvergängliches Denkmal gesetzt.

• Über das Buch
In 15 Essays lenkt Marguerite Yourcenar den Blick des Lesers auf Kavafis und seine verborgenen erotischen Geständnisse, auf die hintersinnige puritanische Psychologie Henry James', auf den gebrochenen einsamen Oscar Wilde und auf viele andere unerwarteten Seiten der Dichter und Schriftsteller. Sie beweist faszinierendes Verständnis für die Menschen und bietet eine die Phantasie ganz ungewöhnlich anregende Lektüre.
 
 


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