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Ein Essay von Marguerite Yourcenar 


Wer weiß, ob die Seele der Tiere im Staub versinkt?

»Wer weiß, ob die Seele des Menschen hinaufsteigt und die Seele der Tiere im Staub versinkt?«
Kohelet (Der Prediger Salomo) III, 21
(1)


Eine Erzählung aus Tausendundeine Nacht berichtet, daß die Erde und die Tiere zitterten an dem Tag, an dem Gott den Menschen erschuf. Diese bewundernswerte poetische Vision gewinnt ihre ganze Bedeutung erst für uns, die wir weit besser als der mittelalterliche arabische Erzähler wissen, wie sehr die Erde und die Tiere Grund hatten zu zittern. Wenn ich Kühe und Pferde auf der Weide sehe, ein schönes Bild, das die Maler und Dichter aller Zeiten als »Idylle« empfunden haben, das aber leider in unseren westlichen Breiten selten geworden ist, wenn ich manchmal sogar ein paar Hühner zu sehen bekomme, die noch frei auf einem Bauernhof picken, dann sage ich mir: diese Tiere, die dem Appetit des Menschen geopfert werden oder zu seinem Dienst benutzt werden, gewiß, sie werden eines Tages einen elenden Tod sterben, geschlachtet, erschlagen, erwürgt oder, wenn es Pferde sind, die nicht in die Roßschlächterei gebracht werden, altem Brauch gemäß durch einen meist ungeschickten Schuss getötet, der so gut wie nie ein wirklicher »Gnadenschuß« ist, oder ausgesetzt in der Einsamkeit der Sierra, wie es noch immer die Bauern von Madeira machen, oder sogar (in welchem Land hat man mir das erzählt?) mit spitzem Stachel zu einer tiefen Schlucht getrieben, in die sie hinabstürzen und zerschmettern.

Aber ich sage mir auch, daß in diesem Augenblick und vielleicht noch Monate und Jahre lang diese Tiere wenigstens gelebt haben werden, unter freiem Himmel, in hellem Sonnenlicht und dunkler Nacht, oft schlecht, manchmal gut behandelt, daß sie einigermaßen normal die Zyklen ihrer Tierexistenz durchlaufen, so wie wir uns darein fügen, die Zyklen unseres eigenen Lebens zu vollenden. Doch diese relative »Normalität« ist nicht mehr üblich in unserer Zeit, wo die fürchterliche Überproduktion (die außerdem auch den Menschen entwertet und umbringt) aus den Tieren Fließbandprodukte macht, die ihr kurzes armes Leben in der unerträglichen Helligkeit des elektrischen Lichts verbringen müssen (der Züchter will ja so schnell wie möglich seine Unkosten wieder einbringen), vollgestopft mit Hormonen, deren Gefahren ihr Fleisch an uns weitergibt, Eier produzierend und »unter sich lassend«, wie früher die Krankenschwestern und Ammen das nannten; die, wie die aneinandergepressten Hühner, ihrer Schnäbel und Krallen beraubt werden, weil sie sie sonst bei ihrem schrecklichen eingepferchten Leben gegen ihre Leidensgefährtinnen richten würden; oder auch wie die schönen Pferde der Republikanischen Garde, die man, wenn sie alt und gebrechlich sind, in einen Stall des Institut Pasteur verfrachtet, wo sie manchmal zwei Jahre lang vor sich hin sterben, wobei ihre einzige Abwechslung darin besteht, daß man ihnen täglich Blut abzapft, bis sie, blutentleert, zusammenbrechen, ausgewrungene Lappen, Opfer unseres Fortschritts in der Immunologie, so daß selbst die Männer der Garde ausrufen: »Es wäre uns lieber, wenn man sie direkt ins Schlachthaus schaffen würde!«

Gewiß, wir haben fast alle einmal ein Serum verwendet, doch dabei eine Zeit herbeigewünscht, in der dieser medizinische Fortschritt aus der Mode sein wird, vergangen wie so viele andere Moden. Die meisten von uns essen Fleisch, doch manche lehnen es ab und denken nur mit leichtem Spott an diesen ganzen Abfall des Entsetzens und der Todesangst, an all die verbrauchten Zellen eines Nahrungskreislaufes, der schließlich an sein Ende in den Kinnbacken der Beefsteakfresser gelangt.

Hier wie anderswo ist das Gleichgewicht gestört worden; das entsetzliche »Rohmaterial« Tier ist ein neues Faktum, wie der Wald, der vernichtet wird, um den Papierbrei für unsere mit Reklame und falschen Nachrichten aufgeblähten Zeitungen und Zeitschriften zu liefern, wie unsere Meere, wo der Fisch den Öltankern geopfert wird. Jahrtausendelang hat der Mensch das Tier als seine Sache angesehen, aber es bestand doch eine enge Verbindung zu ihm, der Reiter liebte sein Pferd, wenn er es auch mißbrauchte; der Jäger früherer Zeiten kannte die Lebensweise des Wilds und »liebte« auf seine Weise die Tiere, die abzuschlachten er sich zum Ruhm anrechnete: eine Art Familiarität mischte sich mit dem Greuel; die Kuh, die zum Schlächter gebracht wurde, nachdem sie endgültig keine Milch mehr gab, das Schwein, das man zum Weihnachtsfest schlachtete (im Mittelalter setzte sich ihm die Frau des Bauern auf die Füße, um es am Strampeln zu hindern), sie waren doch vorher »die armen Tiere«, für die man Gras schneiden ging oder denen man aus Abfällen das Futter bereitete. Für mehr als eine Bäuerin war die Kuh, an die sie sich zum Melken lehnte, eine Art stumme Freundin. Die Kaninchen im Käfig lebten nur zwei Schritt von der Speisekammer entfernt, in der sie enden würden, »kleingehackt wie Pastetenfleisch« (2), aber bis dahin waren sie doch diese Tierchen, denen man gern zuschaute, wenn sie mit ihren rosigen Mäulchen die Salatblätter malmten, die man ihnen durchs Gitter zuschob.

Wir haben das alles verändert: die Stadtkinder haben nie eine Kuh oder ein Schaf gesehen; nun, man liebt nicht die, denen nahe zu kommen man nie die Möglichkeit hatte oder die man nie gestreichelt hat. Das Pferd ist für den Pariser nur noch ein mythologisches Wesen, gedopt und über die Grenzen seiner Kräfte getrieben, mit dem man ein bisschen Geld gewinnen kann, wenn man bei Grand Prix richtig gesetzt hat. In kleine Teile zerlegt und sorgfältig in Klarsichtfolie verpackt im Supermarkt, oder in der Dose konserviert, wird das Fleisch des Tieres nicht mehr als etwas empfunden, das einmal gelebt hat. Man kommt so weit, sich zu sagen, daß unsere Fleischbänke, wo ganze Viertel von Tieren noch blutend an den Haken hängen, vielleicht eine gute Sache sind - obwohl ihr Anblick für den, der ihn nicht gewohnt ist, so gräßlich wirkt, daß einige meiner ausländischen Freunde in Paris die Straßenseite wechseln, wenn sie sie von weitem wahrnehmen -, da sie doch wenigstens ein sichtbares Zeugnis der Gewalt geben, de dem Tier durch den Menschen angetan wird.

Ebenso scheinen die Pelzmäntel, die mit ausgesuchter Sorgfalt in den Schaufenstern der großen Pelzgeschäfte präsentiert werden, meilenweit entfernt von der Robbe, die, von Knüppeln erschlagen, auf der Eisscholle liegt, oder von dem Waschbär, der in einer Falle gefangen ist und sich eine Pfote abnagt bei dem Versuch, die Freiheit wiederzugewinnen. Die Schöne, die sich schminkt, weiß nicht, daß ihre Kosmetika an Kaninchen und Meerschweinchen getestet worden sind, die dafür blind gemacht und zu Tode gemartert wurden. Die Sorglosigkeit und konsequenterweise das ruhige Gewissen des Käufers oder der Käuferin ist total. So total wie die Unschuld derer, die dank der Unkenntnis dessen, wovon sie reden, und des Mangels an Einbildungskraft die Gulags in ihren verschiedenen Erscheinungsformen zu rechtfertigen suchen, oder die den Gebrauch der Atomwaffe in Betracht ziehen. Eine Zivilisation, die sich mehr und mehr von der Realität entfernt, schafft mehr und mehr Opfer, sich selbst inbegriffen.

Indessen ist auch die Liebe zum Tier so alt wie die menschliche Rasse. Tausende von geschriebenen oder gesprochenen Zeugnissen, von Kunstwerken und zufällig beobachteten Gesten beglaubigen das. Er liebte seinen Esel, jener marokkanische Bauer, der begreifen musste, daß er ihn selbst zum Tod verurteilt hat, weil er ihm wochenlang Heizöl auf seine langen mit Schwären bedeckten Ohren gegossen hatte. Es galt für wirksamer, weil es teurer war als das Olivenöl, das er doch im Überfluß auf seinem kleinen Hof besaß. Die furchtbare Nekrose der Ohren ließ nach und nach das ganze Tier verfaulen, das nicht mehr lange zu leben hatte, aber bis zum Ende seine Arbeit fortsetzte, weil der Mann zu arm war, um es zu opfern. Er liebte sein Pferd, jener reiche Geizhals, der es zur Gratisbehandlung zum europäischen Tierarzt brachte, dieses schöne Tier in seinem grauen Kleid, sein Stolz an den Tagen der Fantasia (3), dessen einziges Übel eine mangelhafte Nahrung zu sein schien. Er liebte seinen Hund, jener portugiesische Bauer, wenn er jeden Morgen seinen Schäferhund mit der gebrochenen Hüfte auf seinen Armen trug, um ihn während seines langen Arbeitstages auf dem Feld bei sich zu haben und ihn mit Küchenabfällen zu füttern. Sie lieben die Vögel, jener alter Herr und jene alte Dame in den dürftigen Parks von Paris, die die Tauben füttern und über die man sich zu Unrecht lustig macht, da sie doch, dank der Flügelschläge um sie herum, wieder in Berührung mit dem Universum kommen. Er liebte die Tiere, der Mann, der »Der Prediger Salomo« war, indem er sich fragte, ob die Seele der Tiere im Staub versinkt; Leonardo, der die Vögel auf dem Markt von Florenz befreite, oder auch jene Chinesin von vor tausend Jahren, die in einer Ecke ihres Hofes einen riesigen Käfig mit hundert Sperlingen entdeckte, weil ihr Arzt ihr verordnet hatte, täglich ein noch warmes Hirn zu essen. Sie öffnete weit die Türen des Käfigs. »Wer bin ich eigentlich, um mir den Vorzug vor all diesen Tierchen zu geben?« Die Entscheidungen, die wir unaufhörlich zu treffen haben, schon andere haben sie vor uns getroffen.
 
 


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