Ohne Zweifel - im Bereich der drei großen monotheistischen Religionen, deren Herrschaft über die Seelen bis heute ungeheuer stark ist und die Verhaltensweisen bestimmt (und das heißt im ganzen Westen und einem großen Teil des Orients und Afrikas), stellt der Vegetarismus geradezu einen Schwertstreich der Häresie dar. Die Geschichte der Fleischenthaltung ist auch eine Geschichte von Menschenblut, das wegen Unbotmäßigkeit vergossen wurde. In den christlichen Familien strenger Observanz war der vegetarische Sohn niemals wohlgelitten: Früher oder später würde er tatsächlich vom Corpus Christi abfallen - denn der Tisch vereint und der Tisch trennt. So wie das Bett mehr ist als das Bett. Eine große und schreckliche Sache.
Der christliche Omnivorismsus ist Kind der Romanisierung der Kirche durch das kaiserliche Rom. Das Christentum, seinerseits ein Häresie vom Judentum (Paulus), beschritt den omnivoren Weg, um die Abkehr von den mosaischen Gesetzen und deren radikale Überwindung zu betonen. Zwar erlaubte das mosaische Gesetz leider auch den Fleischverzehr, aber es schränkte ihn durch vielerlei Verbote stark ein. (Heute züchtet man bei uns sogar schon Strauße, um sie zu schlachten. Straußenfleisch ist nach der Thora verboten.) Der christliche Omnivorismus hatte auch eine kriegerische und antiheidnische Funktion in den von ihm eroberten Gebieten: Das gnadenlose Gemetzel, das die Christen unter den Tieren anrichteten, zwang zum Rückzug von den gelegentlich noch üblichen Menschenopfern. Nach der Ankunft Wilhelms des Eroberers wurde der New Forest, der von Wildtieren dicht bevölkert war und in dem ab und zu noch rituelle Menschopferungen stattfanden, zum Jagdreservat erklärt, und kein Tier war mehr davor geschützt, bei den königlichen Gelagen als Speise zu dienen.
Die Häresien haben gekämpft und verloren. Aber sie sind nie ganz und gar untergegangen, denn in ihnen ist der Keim des Richtigen, ein unmerklicher Gärungsstoff. In den siegreichen Anschauungen, die alles vereinnahmen, ist der Verlust des Ganzen vorgezeichnet. Die Häresien haben das Unmögliche versucht: Die Welt wieder zu heiligen, die von den abrahamitischen Religionen, infolge ihres starren, unzugänglichen inneren Wesens, entheiligt worden ist. (Entheiligend wirkt auch der strenge Buddhismus wegen seiner übermäßigen Abstraktheit.) Das häretische manichäische Christentum, eine Welle, die von den westlichen Pyrenäen bis zum Chinesischen Meer vordrang, war Träger einer engelhaften Botschaft. Ein Unheil, dass sie zurückgewiesen wurde, abgestraft mit Scheiterhaufen und Blutbädern unter den Völkern. Der Vegetarismus war einer der Kardinalpunkte der häretischen Kirche. Deshalb ist er bis heute verdächtig, denn die Erinnerung an den großen Angriff lebt noch fort. Ich wiederhole: Der Tisch trennt, er trägt das Schwert in die Familien und in die Klöster. Dies alles liegt scheinbar weit zurück, aber, es hilft alles nichts - da schäumt es in unserer Gegenwart wieder hoch, Pólemos, unaustilgbar... Spricht man davon wie absurd es ist, dass die konsumistischen Mahlzeiten des christlichen Osterfests mit dem Blut von Lämmern besudelt werden, empören sich die Bischöfe. Da ist sie wieder, die verdammte Schlange der dualistischen Ketzerei, und beisst sie! Denn die kathartische Häresie ist Banquos Schatten für die abendländische Kirche: der Ermordete kehrt immer wieder zurück.
Zu viel Ordnung in Ideen bringen, sie nicht flexibel halten, heißt aufs Denken zu verzichten. Aber in manchen Punkten, besonders wenn es darum geht, daraus Handlungsanleitungen zu entwickeln, ist es notwendig, sie eindeutig zu klären und unverwässert zu erhalten. Deshalb baue ich gegenüber allen Kirchen, Offenbarungen, Bekenntnissen, Doktrinen, Sekten diese eine entscheidende Hürde auf: Akzeptiert ihr das Schlachthaus oder lehnt ihr es ab? Haltet ihr die Intensivzucht von Schlachttieren, die Techniken ihrer Mästung, die Züchtung von Versuchstieren, die medizinischen Experimente am lebenden Tier, die Akkordschlachtungen, die ganze auf dem Leiden und der Vernichtung von Tieren aufgebaute blühende Wirtschaft für erlaubt, für göttlich legitimiert? Haltet ihr das Zusammenleben mit dem öffentlichen Schlachthof für tragbar, das gleichzeitige Nebeneinanderbestehen eurer Gebete mit diesem Ort überhaupt für möglich - mit diesem Ort, an dem Tag für Tag endlose Reihen von Tieren in Angst und Entsetzen getrieben, abgeschlachtet und in blutige Stücke zerhackt werden?
Wenn eure Antwort »ja« lautet, wird mein Weg sich nicht mit dem euren treffen. »Gewogen und zu leicht befunden.« Sanft, aber nachdrücklich: nicht zusammen, nicht auf derselben Straße. Eure Mysterien mögen mich anziehen, aber da gibt es diesen Greuel, diese Schändlichkeit, zu deren Beendigung ihr nichts beitragt. Und so seid ihr nicht die Lenker, die aus der Finsternis der Welt hinausführen, die sie erlösen können.