 |
 |

»Aufwertung der Tiere = Abwertung behinderter Menschen« Stimmt diese Gleichung?
2.2 Der »Speziesismus«
2.2.1 Definition
Eine Definition des Begriffes »Speziesismus« [40] nach dem »Oxford English Dictionary« lautet folgendermaßen: »Diskriminierung oder Ausbeutung bestimmter Tierarten durch den Menschen aufgrund eines angenommenen Vorrangs des Menschen.« [41] In einem »Lexikon der Tierschutzethik« von Teutsch wird Speziesismus beschrieben als »das Gefühl einer mit dem Menschsein verbundenen Überlegenheit, die dem Menschen innerhalb der ihn umgebenden Natur ein unangefochtenes Willkürrecht verleiht.« [42] Weitere Ausführungen in deutschen Lexika sind mir (noch) nicht bekannt.
2.2.2 Die Wurzeln des Speziesismus
Weshalb der Speziesismus in der westlichen Tradition fest verankert ist, zeigt vor allem der jüdisch-christliche Schöpfungsglaube der Genesis:
»Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, die da herrschen über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und alle Tiere des Feldes und über alles Gewürm, das auf Erden kriecht.
Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib.
Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.« [43]
Der Mensch gilt als etwas Besonderes, weil er nach zum Ebenbilde Gottes geschaffen und ihm Macht über die anderen Lebewesen verliehen worden ist. Speziell im Christentum wird der »unsterblichen Seele« noch eine zusätzliche, große Bedeutung beigemessen. Es klingt gewagt, diese These aufzustellen, vor allem unter dem Gesichtspunkt, welche Bedeutung diese Religionen bei vielen Menschen im alltäglichen Leben noch spielen. [44] Eine plausible Erklärung ist es dennoch.
Es scheint so, als hätten sich die bequemen Seiten des Glaubens automatisch in uns festgesetzt, eines Glaubens, welcher seit Darwins Evolutionstheorie wissenschaftlich nicht mehr haltbar ist, sich aber trotzdem erstaunlich hält.
Dawkins nennt dieses Phänomen den diskontinuierlichen Geist: »Der »Wert« des Lebens eines Tieres entspricht dem Preis, den sein Besitzer oder - wenn es sich um eine seltene Spezies handelt - die Menschheit für seinen Ersatz bezahlen muß. Aber wenn man ein winziges Stück empfindungsloses embryonisches Gewebe mit dem Etikett Homo Sapiens versieht, dann bekommt sein Leben plötzlich einen unendlichen, unschätzbaren Wert.« [45]
Auch rationale Argumente für die Aufrechterhaltung des Speziesismus finden sich recht häufig. Tugendhat kritisiert beispielsweise die Speziesismus-Analogie zum Rassismus heftig, denn »der Sinn des schrittweise Überschreitens war ja, daß wir begreifen sollen, daß die Menschheit eine große Familie ist, (...) Wir kommen also am Ende jenes schrittweisen Überschreitens zu etwas Umfassendem, was jedoch nicht durch eine Abstraktion (...) bestimmt ist, sondern selbst noch etwas Partikuläres ist. (...) Die scharfen und tiefen Grenzen zu anderen Spezies mit den künstlichen Grenzen zwischen Rassen zu vergleichen zeugt von einer moralischen Unsensibilität.« [46]
Tugendhat hat sicherlich recht, wenn er von künstlichen Grenzen zwischen den Rassen spricht. Aber die Frage bleibt, ob dies wirklich moralisch relevant ist. Was wäre, wenn es eine »Elite-Rasse« gäbe, welche sich völlig abgeschottet hätte von allen anderen Rassen? Hätte diese Rasse das Recht, uns aus ihrer Moral auszugrenzen? Ich denke, Tugendhat würde das bezweifeln. Aber wie kann das Argument dann zählen? Zur Schwäche des Arguments kommt noch seine »evolutionäre Unschärfe« hinzu.
Jede Art müsste nach der Evolutionstheorie mit einer anderen Art verwandt gewesen sein, aus der sich die neue Art irgendwann entwickelt hat. Die Existenz des Menschen erklärt Dawkins am Phänomen der sog. Ringspezies:
»Am bekanntesten ist der Fall der Silbermöwe und der Mantelmöwe. In Großbritannien sind es zwei völlig verschieden gefärbte Spezies, und jeder Beobachter wird den Unterschied sofort erkennen. Verfolgt man jedoch die Population der Silbermöwen nach Westen über den Nordpol nach Nordamerika und dann weiter über Alaska und Sibirien hinweg zurück nach Europa, stößt man auf eine seltsame Tatsache. Die Silbermöwen verlieren allmählich das Aussehen von Silbermöwen, und nähern sich dem der Mantelmöwe, bis es sich schließlich zeigt, daß unsere europäischen Mantelmöwen das andere Ende eines Ringes sind, der mit der Silbermöwe begonnen hat. An jeder Stelle dieses Ringes sind die Vögel ihren Nachbarn so ähnlich, daß sie sich kreuzen können, und zwar bis das Ende dieses Kontinuums in Europa erreicht ist. An diesem Punkt kreuzen sich die Silbermöwen und die Mantelmöwen nicht mehr, obwohl sie durch eine kontinuierliche Reihe sich kreuzender Kollegen verbunden sind, die um den ganzen Globus verläuft. Das einzig Besondere an Ring-Spezies wie diesen Möwen ist, daß ihre Zwischenformen noch leben. Überall dort, wo zwei Spezies miteinander verwandt sind, besteht die Möglichkeit, daß es Ring-Spezies sind. Irgendwann einmal müssen die Zwischenformen gelebt haben. Es ist nur so, daß sie heute in den meisten Fällen ausgestorben sind.« [47]
Natürlich ist es ein nicht gerade ideales Argument, eine moralische Erweiterung der Grenzen mit einer Verwandtschaft zu begründen (wenn auch eine gute Antwort auf Tugendhats Einwand), aber der Speziesismus ist so eng mit der diskontinuierlichen Überzeugung verknüpft, dass dieses Argument sehr gewichtig erscheint.
2.2.3 Formen des Speziesismus
Jean - Claude Wolf unterscheidet zwei Arten von Speziesismus[48] :
»Radikaler Speziesismus«
Der radikale Speziesismus wertet alle Interessen von Tieren gegenüber menschlichen Interessen nahezu vollständig ab.
Selbst triviale Interessen des Menschen haben Priorität gegenüber vitalen Interessen des Tieres. Als Beispiele wären in diesem Zusammenhang Tierversuche zur Entwicklung neuer Kosmetika oder die Betreibung von Legebatterien zur kostengünstigeren Produktion von Eiern zu nennen. Radikaler Speziesismus lässt sich in der Öffentlichkeit kaum offensiv vertreten, wird aber noch stillschweigend akzeptiert.
»Milder Speziesismus«
Offensive Verteidigung hingegen erhalten Handlungen, welche vergleichbare Interessen von Tieren gegenüber Menschen abwertet. Ein Beispiel wäre hier der Tierversuch zu medizinischen Zwecken.
Anzumerken ist hier, dass es keinesfalls Speziesismus ist, wenn Tiere mangels alternativer pflanzlicher Ernährung getötet werden, z. B. von Eskimos oder in einer Notsituation kein anderer Ausweg als eine Tötung möglich erscheint.
Beim Fleischessen in einer industrialisierten Wohlstandsgesellschaft (und hier insbesondere in den Fällen, wo die Herkunft und das Leben des Tieres für die »Produktentscheidung« des Verbrauchers in keiner Form in Erwägung gezogen werden) handelt es sich jedoch eindeutig um einen speziesistischen Verstoß.
Für Helmut F. Kaplan ist das Fleischessen sogar die speziesistische Praktik schlechthin:
»Zum Fleischessen haben wir uns nicht entschieden, sondern zum Fleischessen wurden wir dressiert bzw. konditioniert. Und Fleischessen konditioniert seinerseits zum Speziesismus. Fleischessen ist die psychologische Grundlage für alle speziesistischen Praktiken. Fleischessen ist das Fundament für die speziesistische Grundhaltung. Denn: Wenn wir erst einmal innerlich akzeptiert haben, daß wir leidensfähige Lebewesen für so banale Zwecke wie unsere Geschmacksvorlieben quälen und umbringen, dann akzeptieren wir auch jede andere, noch so frivole Ausbeutung von Tieren.« [49]
2.2.4 Zwei Einwände
Die »Befreiung der Tiere«, also die Überwindung des speziesistischen Geistes, ist vielen Rationalisierungen und Handikaps ausgesetzt. Zur Unterstützung meines Standpunktes in Bezug auf die Tiere, möchte ich noch kurz auf zwei häufig vorgebrachte Einwände eingehen. Dies soll der Ernsthaftigkeit der theoretischen Überlegung der Befreiung der Tiere dienen und die vermeintliche Voreingenommenheit von Lesern schmälern.
Es gibt zwar noch einige andere Einwände gegen die Befreiung der Tiere (welche übrigens alle überzeugend beantwortet werden können), doch in Bezug auf die Fragestellung der Arbeit halte ich diese für die wichtigsten:
»Die Tierrechtsbewegung ist eine Stellvertreter-Bewegung«
Dies ist zwar ein gutes Argument, aber nicht für den Speziesisten. Vielmehr sind Tiere nicht selbst fähig, »ihre eigene Befreiung zu verlangen oder mit Wählerstimmen, Demonstrationen oder Bomben gegen ihre Lebensbedingungen zu protestieren.« [50] Der Einwand dient vielmehr zur Verdeutlichung der grundsätzlichen Schwierigkeit, welcher die Tierrechtsbewegung ausgesetzt ist. Dieses Handikap macht die Befreiung der Tiere zu einem rein moralischen Akt, im Gegensatz zum Beispiel zur Befreiung der Sklaven. Hier war es für die Ausbeuter letztlich vorteilhafter, »den Unterdrückten »freiwillig« Rechte einzuräumen, als zu warten, bis sie mit Gewalt dazu gezwungen würden.« [51]
Deswegen halte ich es für legitim und notwendig, dass Menschen (und eben nur Menschen) für die Befreiung der Tiere eintreten.
»Tiere fressen einander auch«
Dieser Einwand ist sehr plump, wenn man sich näher mit ihm befasst, aber selbst promovierte Köpfe, wie z. B. Patzig, bringen ihn in etwas differenzierter Form öfters vor: »Sie (die Tiere; der Verf.) verhalten sich untereinander nicht nach moralischen Grundsätzen und würden uns nicht schonen, wenn sie uns so überlegen wären, wie wir es ihnen gegenüber sind.« [52]
Kaplan liefert eine überzeugende Antwort: »Zunächst ist an dieser Argumentation interessant, daß gerade diejenigen, die ansonsten immer die Sonderstellung des Menschen betonen, also die Unähnlichkeit mit dem Tier, hier auf einmal mit einer angeblichen Ähnlichkeit mit dem Tier argumentieren: Wir sind im Grunde auch Tiere, und Tiere fressen einander nun einmal.
Aber ausgerechnet hier, in bezug auf das Fleischessen, gibt es zwischen Mensch und Tier keine Ähnlichkeit: Tiere (genauer: die fleischfressenden Tiere!) müssen Fleisch fressen, Menschen nicht. Der Mensch hat eine Entscheidungsmöglichkeit, das Tier nicht. Der Mensch kann moralisch handeln, das Tier nicht.« [53]
Dass dieses Argument natürlich nur ein Schutzargument ist, zeigt aufschlussreich das folgende Beispiel:
In einem Artikel in der »Zeit« wurde eine Frau beschrieben, welche durch eine Verletzung im vorderen Stirnhirn sowohl ihr Moralempfinden als auch die Fähigkeit zu Schuldgefühlen abhanden gekommen sind. Dies bedeutet zwar nicht, dass es Gene für die Moral gäbe, doch die Fähigkeit, normative Systeme überhaupt erst zu erkennen, scheint selbst durchaus eine physische Basis zu besitzen. Die Frau ist beschrieben worden als »Schrecken der Mitmenschen«, als »echte Rabenmutter«. Dennoch meinen die Neurologen: Die heute 20-jährige sei völlig unschuldig. [54]
Dieser Artikel ist ein Zeichen dafür, welchen Wert wir wirklich der Fähigkeit des moralischen Handelns zuweisen, wenn es sich um einen Menschen handelt. Warum sollte es beim Tier anders sein?
|
 |

Bitte Stichwort
eingeben und
»Go« drücken


1. Einleitung
2.
Einführung
in die Thematik
2.1 Die Position
von Peter Singer
2.2 Der
»Speziesismus«
2.3 Ein
»Mensch -
Tier -
Vergleich«
3. Tierethiker
und
Tierrechtsbewegung
3.1 Positionen
von
Tierrechts-
philosophen
- Mögliche
Alternativen zu
Singers Ansatz?
3.2 Die
theoretische
Auseinandersetzung
innerhalb der
Tierrechtsbewegung
zur Position
Singers
4. Eine kritische
Untersuchung
relevanter
Einwände,
insbesondere aus
der
Behinderten-
bewegung,
gegen die
Position Singers
4.1 Fundamentale
Argumente gegen
die
»Singer-Debatte«
4.2 Zur Kritik an
der Euthanasie
4.3 Verletzung
der Gefühle
behinderter
Menschen
4.4 Weitere
Argumente
5.1 Ein
Lösungsvorschlag
5.2 (K)eine
Anleitung
für
Sozialpädagogen
5.3 Zum Schluss
Quellenangaben
und Literatur

| |