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Eine Diplomarbeit von Thorsten Ullrich vorherige Seite Seite 12 / 16 vorherige Seite

»Aufwertung der Tiere = Abwertung behinderter Menschen«
Stimmt diese Gleichung?


 
4.4 Weitere Argumente
 
• 4.4.1 Personen und das Lebensrecht
»Es wird verkannt, daß derjenige, der solche Definitionen aufstellt, für sich selbst eine Ausnahme macht. Bei einer Definition (...) wird übersehen, daß der Definierende selber Mensch ist und sich selbst das zusätzliche Kriterium (zuspricht, Anm. d. Verf.), was er den definierten Menschen offensichtlich abspricht.« [273]

Dieses Argument klingt recht logisch, ist aber in sich schwach. Natürlich setzen Personen die Regeln fest, wer welches Recht hat und wer welches nicht und wie es aufgewogen wird. Wer sollte es sonst festsetzen in einer säkularen Ethik? Es ist genauso eine Festlegung von Personen, dass der Homo sapiens unschätzbaren Wert hat, andere Spezies aber einen recht geringen. Es ist sogar noch einiges einfacher, denn auf der sicheren Seite steht man so auf jeden Fall.Doch der Vorwurf der Personenhierarchie lässt sich auch subtiler formulieren: »An die Stelle von Schwarzen, Juden, Sklaven oder Ausländern treten die »Nichtpersonen.« Die Stelle des Ariers, des Weißen, des Aristokraten oder des Nationalisten nimmt die »Person« ein, eine Leerformel, der beliebige Inhalte zugedacht werden können.« [274]

Das Setzen einer neuen Hierarchie ist sicher ein Problem. Doch wer sind die Verlierer dieser Hierarchie? Nach der »Vorherige-Existenz«-Version sind es die Nichtpersonen sicher nicht, da sie nicht als ersetzbar betrachtet werden. Bei der Frage der Leidensberücksichtigung gibt es sogar nur differenzierte Unterschiede. Es ist also völlig aus der Luft gegriffen, in diesem Zusammenhang von Sklaven und Juden zu sprechen.

Die Unfähigkeit, wahrzunehmen, dass Nichtpersonen sehr wohl Interessen haben, die berücksichtigt werden müssen, kann nur aus einer Sicht entstehen, in der unter Hierarchie eine Feindschaft von Herrscher und Beherrschten vorausgesetzt wird.

Diese Hierarchie existiert ohne Zweifel in der jetzigen Tier-Mensch-Beziehung, sie muss aber keineswegs in der Person-Nichtperson-Beziehung herrschen.

Hier könnte eingewendet werden, dass keine Hierarchie zwischen Menschen mehr herrschen soll und die Tiere hierbei keine Rolle spielen. Somit stimmt das Argument wieder. Aber eben nur, indem die Interessen der Tiere ausgeblendet werden.

Wie perfekt sie ausgeblendet werden, soll in der nächsten These untersucht werden.


• 4.4.2 Tierliebe als Mittel zum Zweck?
Die vermeintliche Erkenntnis, dass es ein kluger Schachzug von Singer ist, sich als Tierfreund auszugeben um sich so einen humanitären Anstrich zu verleihen, taucht ebenfalls häufig auf: »Der Verfasser charakterisiert sich selbst in seinem Text (...) als Tierfreund und Gegner von Tierversuchen, (...). Dies führt zusätzlich dazu, daß der Text gegen Kritik immunisiert wird, und dient dem Zweck, den Eindruck der Glaubwürdigkeit und Lauterkeit der Argumentation zu erhöhen.« [275]

Falls dies wirklich der Fall wäre, würde dies bedeuten, dass Singer »Animal Liberation« nur geschrieben und das »Great Ape Project« nur mitbegründet hat, damit die Leute ihm in die Falle laufen. Dieser Einwand ist einfach bei genauerer Kenntnis von Singers Position nicht haltbar.

Wie wenig der Tierrechtsaspekt in der »Singer-Debatte« ernstgenommen, bzw. überhaupt wahrgenommen wird, zeigt sich in der fast völlig fehlenden Auseinandersetzung mit dieser Problematik. Wenn die Tierethik Singers doch erwähnt wird, dann nur im warnenden Zusammenhang, wie folgende Beispiele zeigen:

»Der Hinweis (...) auf Singers Tierliebe ist voller Zynismus, denn diese geht sogar soweit, daß Behinderte mit Tieren verglichen werden und das Lebensrecht von Tieren bei Singer schützenswerter ist als das Leben geistig Behinderter.« [276]

»Heutzutage soll es ja schon der Fall sein, daß es so manchem Tier besser geht als so manchen Randgruppenpersonen, zu denen in der BRD auch die Behinderten zählen.« [277]

Ich bin schon eher geneigt zu sagen, dass sich in diesen Sätzen ein gewisser Zynismus nicht verbergen lässt. Es wird jedenfalls klar, dass die Interessen des Tieres hier eine sehr, sehr geringe Rolle spielen und in keinem Zusammenhang ernsthaft betrachtet werden.

Dass es manchem Tier besser geht als manchem Menschen ist zweifellos etwas Wahres. Zum einen hängt dies aber in vielen Fällen davon ab, inwieweit es im Interesse des Menschen (!) liegt, dass es dem Tier gutgeht (»mein Hund, meine Katze«), zum anderen kann ich es nicht nachvollziehen, warum es allen Tieren schlechter gehen muss als allen Menschen.

Hier wird der Mensch als Spezies von einem Menschen heilig gesprochen, ein etwas merkwürdiges Unterfangen.

Die Tiere als Mittel zum Zweck zu verwenden, scheint eher auf der Seite der Singer-Gegner ein probates Mittel zu sein:

»Manchen macht die Diskussion von Singers Thesen angst. Und die Angst ist verständlich. Ist behinderten Neugeborenen erst einmal ihre Personalität abgesprochen, sind sie in ihrem Lebenswert erst einmal unterhalb bestimmter Tiere (zum Beispiel der bei Laborversuchen benutzten Affen) eingestuft, könnten sie auch zur Forschung benutzt werden. Eine Horrorvision? Leider nein. Es sind bereits nicht lebensfähige Neugeborene ohne Gehirn (sogenannte anencephale Kinder) als menschliches Ersatzteillager (Organbank) künstlich am Leben erhalten worden.«

Klee ist ein klassisches Beispiel dafür, wie eingemeißelt das speziesistische Denken ist. Dass anenzephale Kinder, welche über keinerlei Bewusstsein verfügen und auch nie verfügen können, nach Zustimmung von den Eltern als Organspender in Betracht gezogen werden, kommt für ihn einer »Horrorvision« schon recht nahe, die bei den Laborversuchen benutzten Affen tauchen als Mittel zur Abschreckung in einem Nebensatz auf. So wird der Tierversuch als völlig legitim in den Diskurs aufgenommen, und wer Singers Thesen akzeptiert, dürfte so zwangsläufig eine Gefahr für die Menschheit darstellen.

Die Beispiele für die Benutzung der Tiere für die Argumentation in der »Singer-Debatte« gibt wenig Anlass für Hoffnung. In keinem der zahlreichen Beiträge der Singer-Gegner wurde die ethische Stellung des Tieres in unserer Gesellschaft thematisiert, obwohl die »Praktische Ethik« von Singer zwei Kapitel allein für die Betrachtung dieser Problematik verwendet.

Es scheint ausgemachte Sache zu sein, dass eine neue Hierarchie Nicht-Personen zur völligen Ausbeutung freigibt, wenn sie auf eine Stufe mit dem Tier gestellt werden. Dass es auch eine andere Seite gibt, nämlich die Tiere in den moralischen Kreis mitaufzunehmen und so auch den Tierversuch am Affen als klares Unrecht darzustellen, wird in der allgemeinen Diskussion nicht akzeptiert, ja nicht einmal wahrgenommen.


 
 


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1. Einleitung
2.
Einführung
in die Thematik
2.1 Die Position
von Peter Singer
2.2 Der
»Speziesismus«
2.3 Ein
»Mensch -
Tier -
Vergleich«
3. Tierethiker
und
Tierrechtsbewegung
3.1 Positionen
von
Tierrechts-
philosophen
- Mögliche
Alternativen zu
Singers Ansatz?
3.2 Die
theoretische
Auseinandersetzung
innerhalb der
Tierrechtsbewegung
zur Position
Singers
4. Eine kritische
Untersuchung
relevanter
Einwände,
insbesondere aus
der
Behinderten-
bewegung,
gegen die
Position Singers
4.1 Fundamentale
Argumente gegen
die
»Singer-Debatte«
4.2 Zur Kritik an
der Euthanasie
4.3 Verletzung
der Gefühle
behinderter
Menschen
4.4 Weitere
Argumente
5.1 Ein
Lösungsvorschlag
5.2 (K)eine
Anleitung
für
Sozialpädagogen
5.3 Zum Schluss
Quellenangaben
und Literatur

 
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