Das Thema dieser Diplomarbeit ist sicher eines der heikelsten, denen man sich überhaupt widmen kann. Zwei Tabus unserer Gesellschaft werden Bestandteil der Arbeit sein: Der Vergleich geistig behinderter Menschen mit Tieren und eine Diskussion über die mögliche Rechtfertigung von Infantizid.
Für Menschen, denen der Wert eines Tieres sich daran bemisst, wie gut es schmeckt, mag die Fragestellung schon ein Unding sein. Würde meine Einstellung zum Tier nicht, oder nicht stark davon abweichen, würde ich wohl ähnlich denken.
Es hat aber keinen Sinn, eine Diplomarbeit zu schreiben, die von anderen Menschen überhaupt nicht nachvollzogen werden kann. Deswegen möchte ich den ersten Schwerpunkt dieser Arbeit für eine transparente Darstellung der Tierethik verwenden, um so dem Leser eine ernsthafte Einfühlung in die Problematik zu ermöglichen.
Zuerst möchte ich aber noch ein paar Sätze schreiben, wie ich überhaupt auf dieses doch sehr ungewöhnliche Thema gestoßen bin.
Ich lebe seit über sechs Jahren streng vegetarisch. Dass es einen engen Zusammenhang zwischen Ausbeutung und Fleischessen gibt, ist mir zur »Anfangszeit« aber eher abwegig erschienen. Meine Motivation für die vegetarische Ernährungsweise hatte sich weniger auf ethische, sondern hauptsächlich auf sozial-ökonomische, ökologische und gesundheitliche Aspekte begründet.
Diese »Begründungshierarchie« hat sich aber schlagartig geändert, als ich »Befreiung der Tiere« von Peter Singer las. Beim Lesen dieses Buches wurde mir folgender Punkt klar: Es war nicht nur unnötig wie wir die Tiere behandelten, es war ethisch unvertretbar. Schon beim Vorwort dieses Buches hatte in mir ein Denkprozess begonnen, der meine gesamte moralische Einstellung zum Tier grundlegend geändert hat. Obwohl die ethische Begründung der »Befreiung der Tiere« im Vorwort von Singer noch nicht das Thema ist, habe ich diesen Teil am stärksten im Gedächtnis behalten und möchte ihn deswegen hier zitieren: »Kurz nachdem ich begonnen hatte, an diesem Buch zu arbeiten, wurden meine Frau und ich - wir lebten zu dieser Zeit in England - von einer Dame zum Tee eingeladen, die gehört hatte, daß ich über Tiere zu schreiben plante. Sie selbst war, wie sie sagte, sehr an Tieren interessiert, und sie hatte eine Freundin, die bereits ein Buch über Tiere geschrieben hatte und uns sehr gern kennenlernen würde. Als wir eintrafen, war die Freundin unserer Gastgeberin bereits da, und sie war in der Tat sehr begierig, über Tiere zu sprechen. »Ich liebe Tiere«, begann sie, »ich habe einen Hund und zwei Katzen, und stellen Sie sich vor, sie kommen wunderbar miteinander aus. Kennen Sie Mrs. Scott? Sie leitet eine kleine Klinik für kranke Haustiere ...«, und so ging es weiter. Als Erfrischungen gereicht wurden, machte sie eine kurze Pause, nahm ein Schinkenbrötchen, und dann fragte sie uns, welche Haustiere wir hätten.
Wir sagten ihr, wir besäßen keinerlei Haustiere. Sie sah etwas überrascht aus und nahm einen Bissen von ihrem Brötchen. Unsere Gastgeberin, die nun mit dem Servieren der Brötchen fertig war, gesellte sich zu uns und nahm das Gespräch wieder auf. »Aber sie interessieren sich doch für Tiere, nicht wahr, Mr. Singer?« Wir versuchten ihr zu erklären, daß wir uns für die Verhinderung von Leid und Elend interessierten; daß wir gegen willkürliche Diskriminierung wären; daß wir es für falsch hielten, einem anderen Lebewesen nutzlosen Schmerz zuzufügen, selbst wenn dieses Wesen kein Mitglied unserer eigenen Spezies war; daß wir der Meinung wären, Tiere würden von Menschen auf erbarmungslose und grausame Weise ausgebeutet, und dies zu ändern wünschten. Ansonsten, so sagten wir, »interessierten wir uns nicht besonders für Tiere. Keiner von uns hatte sich jemals übermäßig für Hunde, Katzen oder Pferde begeistert, wie das viele Leute tun. Wir waren keine »Tierliebhaber«. Wir wollten nur, daß die Tiere als die unabhängigen, fühlenden Wesen behandelt werden, die sie sind, und nicht als Mittel zu menschlichen Zwecken - wie das Schwein behandelt worden war, das sich nun auf den Brötchen unserer Gastgeberin befand.«[1] Von diesem Zeitpunkt an gab es kein Zurück mehr. Dass es so etwas wie »Speziesismus« [2] gibt, hatte sich in mir verinnerlicht.
Zu dieser Zeit wurde ich auch in einer Tierrechtsgruppe aktiv. Einen beträchtlichen Teil meiner Freizeit verbrachte ich damit, für die Verbreitung der Tierrechtsidee einzutreten. Bei unseren Tierrechts-Ausstellungen verwendeten wir auch Zitate von Peter Singer. Irgendwann sagte ein Besucher zu uns, es sei sehr bedenklich, dass wir Singer-Zitate nutzen würden und ihm somit eine Plattform bieten, denn Singer gelte als ausgewiesen behindertenfeindlich. Diese Stimmen mehrten sich. Auch innerhalb unserer Tierrechtsgruppe hatten sich einige von Singer distanziert. Diese Wendung verwirrte mich. Konnte es wirklich sein, dass diese Leute von »dem« Singer reden, der mich in seinem Buch so überzeugt hatte?
Ebenfalls zu dieser Zeit leistete ich in einem »Wohnheim für behinderte Erwachsene« meinen Zivildienst ab. Die Arbeit, gerade mit den sogenannten »Mongos«, war ein schöner, erfüllender Teil in meinem Leben. Diese Erlebnisse bestärkten mich in meiner Entscheidung, »Sozialpädagogik« zu studieren. Für mich war es klar gewesen, dass ich zu denen gehörte, die sich gegen die Diskriminierung von behinderten Menschen einsetzen wollen und nicht dafür. Doch die Verunsicherung war geblieben. Um mich genauer zu informieren, las ich die »Praktische Ethik« von Singer. Hier sollte er, wie ich gehört hatte, seine Behindertenfeindlichkeit besonders bedenkenlos gezeigt haben. Ich hatte die »Praktische Ethik« von Singer zur Hälfte gelesen (und war mir inzwischen sicher, dass es sich um ein und dieselbe Person handelte), als mir folgende Gedanken immer bewusster wurden:
- Singers Tierrechtsposition und seine Position gegenüber behinderten Menschen sind beide in einem Buch präsent.
- Singers Tierrechtsposition und seine Position gegenüber behinderten Menschen sind inhaltlich verknüpft!
Der letzte Punkt ist hier besonders wichtig, denn er wirft folgende Fragen auf
Wenn Singer behindertenfeindlich ist, und wenn seine Positionen in einer Argumentationskette zur Tierethik stehen, bin ich dann behindertenfeindlich?
Ist es dann überhaupt möglich, meinen Beruf (zumindest in diesem Schwerpunkt) ohne Bedenken auszuüben? Steht der Beruf des Sozialpädagogen somit im Widerspruch zur Tierethik?
Diese Fragen haben mich innerlich immer wieder beschäftigt, jedoch habe ich mich an eine inhaltliche Auseinandersetzung bisher nicht herangewagt. Die Frage, ob man Tierrechtler und nicht behindertenfeindlich sein kann, lässt natürlich auch eine einfache Antwort zu: Man ist einfach für Tierrechte und ist einfach gegen Peter Singer. Somit ist man (anscheinend) aus dem Schneider. Die Frage, die sich bei diesen Leuten stellt, ist dann eine andere: Kann man diese Meinung widerspruchsfrei vertreten? Und wenn man sie widerspruchsfrei vertreten kann: Wird diese Ansicht nur mit neuen, noch offensichtlicheren Widersprüchen erkauft? Diesen Fragen möchte ich auf den Grund gehen.
Das Thema heißt: »Aufwertung der Tiere = Abwertung behinderter Menschen« - Stimmt diese Gleichung? Der Gleichungsfaktor »Aufwertung der Tiere« wird in dieser Arbeit als akzeptiert gesetzt. Es ist nicht Sinn dieser Arbeit, herauszufinden, ob dies so sein muss. In der Ethik gibt es nicht die eine Wahrheit, und es gibt erdenklich viele Philosophen, die eine »Aufwertung der Tiere« scharf zurückweisen. Doch ich stehe zu dieser Meinung, und deswegen werde ich sie nicht kritisch »gegenprüfen«.
Was ich untersuchen will, ist folgendes: Wenn ich für die Aufwertung der Tiere bin, muss ich dann eine Abwertung behinderter Menschen in Kauf nehmen?