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Die Tierrechtsbewegung - work in progress

So weit ist in der Menschheitsgeschichte - außer vielleicht den indischen Jaina - noch niemand gegangen. Wieder hat weder die akademische Philosophie noch ein Vorbeter Vorgaben geliefert. Also wieder eine »grass root« - Bewegung, diesmal aus dem Vegetarismus herausgewachsen, der sich hier mit dem Tierrecht verbunden hat. Im grellen Lichtkegel des konsequenten Tierrechtsdenkens mußte nun auch das klassische Vegetariertum widersprüchlich erscheinen. Wie kann man das System der Fleischproduktion bekämpfen, wenn man es gleichzeitig durch den Kauf von Milch, Käse und Leder unterstützt? Wie kann man die der Kuh, dem Huhn abgequälten Produkte konsumieren, für die sie sogar mehr und länger leiden als bei der Schlachtung für ihr Fleisch? Diese vegane Logik ist unabweisbar.

Freilich ist es nicht so, dass alle, die sich der Tierrechtsidee verpflichtet fühlen, von einem Tag auf den anderen auf den neu eingefahrenen Zug gesprungen wären. Viele schaffen es aus praktischen Gründen nicht, viele blocken auch innerlich ab oder halten diese Konsequenz mindestens in der Praxis für verfrüht. Manche glauben sogar, dass der öffentliche Einsatz für den Veganismus kontraproduktiv sei, da dieser zu viel von den Menschen verlange und sie so von dem Schritt zum leichter praktizierbaren Vegetarismus abhalte. So argumentiert zum Beispiel in letzter Zeit vehement Helmut Kaplan, wobei er jedoch nicht die Richtigkeit des Veganismus als eines anzustrebenden Ziels in Frage stellt. Nach den bisherigen Erfahrungen geht tatsächlich eine kürzere oder längere vegetarische Phase dem freien Entschluß, vegan zu werden, voraus. Zwingend aber ist das nicht. Mir scheint es besonders bemerkenswert. dass eine ständig wachsende Zahl von jungen Menschen, selbst Jugendliche von dreizehn, vierzehn Jahren, ohne Umwege zum Veganismus als einer in sich schlüssigen Idee und Lebensweise gelangt, wie man täglich in den Veganforen im Internet lesen kann.

Innerhalb der Tierrechtsszene hat sich die vegane Logik ohne viele Worte immerhin so weit etabliert, dass zum Beispiel bei Treffen und Veranstaltungen meist nur noch veganes Essen angeboten wird, letzthin etwa bei dem großen »Tierrechtskongreß« in Wien im Juni 2002. Die größte Tierrechtsorganisation der Welt, die von Amerika aus operierende PETA, vertritt uneingeschränkt und offensiv den Veganismus schon seit mindestens zehn Jahren. Vegane Produkte werden in immer reicherer Fülle von spezialisierten Versandgeschäften, aber auch in Ökoläden und Reformhäusern angeboten. In Los Angeles gibt es ganze Großmärkte.

Die Rezeption dieses neuen Trends der »radikalen Tierschützer« in der deutschen Öffentlichkeit, in den Medien, bewegt sich zwischen völliger Verständnislosigkeit, kopfschüttelndem Spott und »Haut den Lukas!« Als Extremisten und Fundamentalisten werden sie betrachtet, und jedenfalls als übergeschnappt. Eine beliebte Methode ist, sie als militant und gewalttätig einzustufen. So zog sich durch den ganzen deutschen Blätterwald monatelang die Geschichte von dem armen Biometzger Matthias Groth aus Bremen, dem die rabiaten Veganer angeblich sein Geschäft mit Steinwürfen und physischen Angriffen zerstört hätten. Die spätere gerichtliche Verurteilung des Metzgers wegen Vortäuschung einer Straftat wurde fast nirgendwo mehr gemeldet. Das neue Feindbild der Normalkonsumenten war geboren, kaum dass der klassische Vegetarismus so langsam an gesellschaftlicher Akzeptanz zu gewinnen begann.

Eine zweite Methode, den Veganismus zu diskreditieren, besteht in der aufgeregten Warnung vor Gesundheitsschäden und Mangelerscheinungen. Der Fall eines angeblich durch vegane Ernährung gestorbenen Babys wird kolportiert und Eltern werden beschworen, ihre Kinder nicht solchen Gefahren auszusetzen. Allerdings, der einzige Punkt, den diese Gegnerschaft gefunden hat und mit Fleiß wiederkäut, ist das ominöse Vitamin B 12, das nur in tierischem Eiweiß enthalten sei und dessen Fehlen die schrecklichsten Folgen habe. Dieses Argument erinnert stark an die früheren Weisheiten der Ernährungslehren gegen den Ovo-Lacto-Vegetarismus, die inzwischen fast verstummt sind, so wie das B 12 - Geschrei bald verstummen wird.

Die zweite Phase der Tierrechtsbewegung, überwiegend von VeganerInnen getragen, ist stärker als die erste durch Reflexion und Selbstfindung charakterisiert und bietet daher, besonders auch wegen der Unlust der Medien, sich mit ihren Gedanken zu befassen, ein weniger spektakuläres Erscheinungsbild. Viele, besonders unter den jungen Newcomern, sind - wie ja auch ihre historischen Vorgänger, die Vegetarier - tatsächlich wenig kämpferisch, was vielleicht mit dem Ansatz über das private Leben, die Intimsphäre des Essens und des eigenen Alltags zu tun hat, und begnügen sich damit, in ihren Küchen vegane Rezepte ausprobieren und von einer Welt zu träumen, in der der Mensch nicht mehr über das Tier herrscht. Andere, bei denen vegan sein nur die Konsequenz ist aus dem primären Impuls, sich für Tiere und ihre Rechte einsetzen zu wollen, sind sehr wohl kämpferisch gesinnt und bilden heute die Speerspitze der Bewegung. Manche hardliner meinen, alle in die Pflicht zwingen zu müssen, indem sie rigoros jeden Schritt vom veganen Weg verdammen und keinem Nur-Vegetarier zugestehen, sich als Tierrechtler zu bezeichnen.

Insgesamt aber sägen die VeganerInnen an einer fast unauffälligen Stelle umstürzlerisch an der omnivoren Gesellschaft: Mit der Kompaßnadel, die »Nichts vom Tier!« anzeigt, bewegen sie sich durch die Konsumgesellschaft, erfinden und entdecken neue Speisen und Zubereitungsarten, tauschen ihre Erfahrungen aus, gründen vegane Geschäfte und auch schon Lokale, machen sich in Ernährungs- und Gesundheitsfragen kundig und schaffen auf diese Weise Eß-Kauf -und Lebensgewohnheiten, die das Tier als Ressource überflüssig machen könnten.

Und schließlich zeichnet sich die zweite Phase durch einen enormen Anstieg der tierrechtsrelevanten Literatur aus. Es erscheinen immer mehr Bücher, Essays, Aufsätze, Artikel, die die einschlägigen Fragen ventilieren. Das Mensch-Tier-Verhältnis ist zu einem Thema der professionellen Philosophie, auch der Anthropologie, der Soziologie und anderer wissenschaftlicher Disziplinen geworden. Die intellektuelle Durchdringung der riesigen Problematik findet auf hohem Niveau statt und hat das theoretische Gerüst immer tragfähiger gemacht. Auch hier geben die angloamerikanischen DenkerInnen das Tempo vor.

Hierzulande hat sich dankenswerterweise der Harald Fischer -Verlag in die große Leere auf dem deutschen Denkmarkt geworfen und publiziert laufend wichtige Bücher, die meisten aus dem Ausland. Ich habe keine Erklärung dafür, warum sich die deutschen Intellektuellen so wenig zu Wort melden, eine fast schon peinliche Verspätung. In den Feuilletons kommt Tierethik nicht vor. Immerhin erschien vor drei Wochen in der Süddeutschen Zeitung ein Artikel, der unter dem Titel »Treblinka der Tiere« erstmals das Thema kenntnisreich aufgreift und »die Rückkehr der Tiere im Denken der Menschen, einen intellektuellen Aufstand im Namen der Tierheit« konstatiert. Vielleicht schreckt es die deutschen ProfidenkerInnen und ihre journalistischen BegleiterInnen aus ihrem Verdrängungsschlaf auf, wenn sie unter anderm erfahren. dass Jacques Derrida, einer der gegenwärtig berühmtesten und angesehensten Philosophen der Welt, schon seit langem an einem umfangreichen Werk über Mensch und Tier arbeitet. Dass dies nicht im Sinn senes Landsmanns Descartes sein wird, kann man früheren Äußerungen Derridas entnehmen, etwa der: »Wie ist es möglich, dass die Menschen sich das Leid, das sie denen, die sie »Tiere« nennen, zufügen, so gründlich verschleiern und verbergen können?«

Wenn wir von unserem Hügel zurückschauen, fließen die Wege, die bis hierher geführt haben, ineinander, die naiv - agitatorischen, die fleißig - pragmatischen, die ungeduldig - militanten, die intellektuell - analytischen. Richtig und notwendig war der Aufbruch allemal. Die Aufnahme des Tierschutzes in die Verfassung wurde im Ausland mit Staunen und Bewunderung aufgenommen. So schlecht kann also die deutsche Tierrechtsbewegung nicht sein. Wir Insider wissen, dass dieser Erfolg bisher nur deklamatorischen Charakter hat und vor allem, dass er erst den guten alten Tierschutz aufgewertet hat und noch himmelweit von unseren Zielen entfernt ist. Aber selbst das konnte nur durch den Ansturm der Tierrechtsidee bewirkt werden. Und generell scheint mir, dass wir auf allen Wegen, die wir gegangen sind und weiter gehen, so sehr wir uns über den einen oder anderen streiten, die richtige Richtung vorgegeben haben und schon hier und da den Trend zu einer neuen Tierbewußtheit sehen, die ohne uns - und damit meine ich die TierrechtlerInnen in allen Ländern - nicht in die Welt gekommen wäre. Wer sonst hätte etwas getan, wer sonst hat etwas getan? Was wir lernen mußten, ist, dass auch die moralische Evolution ein ungeheuer langsamer Prozeß ist, und dass die PionierInnen mit Siebenmeilenstiefeln vor der realen Entwicklung herlaufen. Selbst so offenkundige Unsäglichkeiten wie Pelz, Zirkus oder Tierversuche für Kosmetik konnten in zwanzig Jahren nicht beseitigt werden, dennoch - ihre Tage sind schon gezählt. Wohin nur mit der Ungeduld? Besonders schwer sind Rückschläge und verzögernde Winkelzüge zu ertragen. Die Dickfelligkeit der Massen, die Schwerfälligkeit politischer Instanzen, die Macht kommerzieller Interessen, die Oberflächlichkeit der Medien, die Arroganz und Trägheit der meinungsbildenden Eliten - all das erzeugt immer wieder Wut und Trauer. Resignation aber erzeugt es nicht.

Vor einigen Tagen starb Rudolf Augstein. Er ist zwar von der Sache der Tiere nicht erreicht worden, aber sein Feld, die demokratische Gesellschaft, hat er so unermüdlich beackert, dass er hier für eine beispielhafte Haltung stehen soll. Er wehrte nichts so heftig ab wie die Bezeichnung als Idealist und nannte sich selbst einen Zyniker, einen, der die Welt sieht, wie sie ist und nicht wie er sie sehen möchte. Trotzdem kämpfte er bis zum letzten Atemzug für das, was er für richtig hielt, und alle Nachrufe bescheinigen ihm, dass Deutschland ein anderes, ein undemokratischeres Land geworden wäre ohne ihn. Mehr bleibt den TierrechtskämpferInnen auch nicht - weitermachen ohne sich selbst in die Tasche zu lügen, wachsam im Kleinen wie im Großen, Widerstand gegen das Falsche leisten, das Verderbliche und die VerderberIinnen attackieren, Bewußtsein schaffen. Man soll uns bloß nicht Idealisten nennen.


Sina Walden


Text eines Vortrags von Sina Walden auf der Tagung des Vegetarier-Bunds Deutschland »Tierrechte und die vegetarische Bewegung » in Kassel am 15. November 2002. Wiedergegeben mit freundlicher Genehmigung des Vegetarierbundes Deutschland

Sina Walden lebt nach abgeschlossenem Jurastudium (Berlin) und Studiengängen in Literatur und Philosohpie (Zürich) als freie Publizisten, Fernsehautorin und Übersetzerin in München und Italien. Im Rowohlt Verlag erschien ihr Buch »Endzeit für Tiere« (leider vergriffen).
 
 
 


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