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Ein Artikel von Sina Walden vorherige Seite Seite 3 / 4 vorherige Seite


Die Tierrechtsbewegung - work in progress

Wie rückblickend leicht zu erkennen ist, nutzte die junge namenlose Bewegung für Tiere - in der Presse immer pauschal »die Tierschützer« genannt - Mittel und Methoden, wie sie von Studenten- sowie Bürger- und Menschenrechtsbewegungen in USA und anderswo eingesetzt wurden. Und es war eine Bewegung im wörtlichen Sinn. Wir bewegten uns dauernd irgendwohin - auf die zentralen Plätze, zur Unterstützung anderer Gruppen in andere Städte, andere Länder, nach Luxemburg und Brüssel zu den Europäischen Institutionen, zu den Pharmakonzernen nach Basel, zu den Vorbildern nach England, vor die Stierkampfarena in Madrid. Diese vom Aktionismus gekennzeichnete Zeit dauerte viele Jahre, rund zehn bis fünfzehn vom Anfang der Achtziger bis Mitte der Neunziger des 20. Jahrhunderts.

Kundgebungen, angemeldete und unangemeldete, fanden in Permanenz statt und das Wort trifft gut, was beabsichtigt war: Kund zu geben, was Tieren angetan wird, und kund zu geben, dass wir darin Unrecht sehen und Änderung verlangen. Das einigende Band aller Unternehmungen war die Überzeugung, dass alles, was wir attackierten, ersatzlos abgeschafft gehört, nicht verbessert, nicht modifiziert, nicht »humanisiert«, sondern abgeschafft.

Ich meine, dass in dieser uneingeschränkten Forderung der Keim der Trennung vom traditionellen Tierschutz lag, weil keine Zugeständnisse mehr an den »höheren Wert« des Menschen auf Kosten der Tiere gemacht wurden. Hier brach sich zum ersten Mal - von einigen Denkern und Denkströmungen der Antike und großen Einzelnen in späterer Zeit wie Leonardo da Vinci oder Michel de Montaigne abgesehen - der Gedanke von der Gleichwertigkeit des Tierlebens und der daraus abzuleitende Anspruch auf gleiche Berücksichtigung der nichtmenschlichen Tiere Bahn. Wenn das auch nicht so klar gesehen wurde, so ist doch hier der »evolutionäre Spung« zu erkennen. Von da erweiterte sich das Blickfeld mehr und mehr auf alles, aber auch alles, was Menschen den Tieren antun, und nur kurz währten Debatten darüber, ob dieser oder jener »Mißbrauch« ein geringerer sei, ob etwa Tiere im Zoo es besser hätten als die im Labor.

Fast unmerklich wandelte sich schon sprachlich die Selbstcharakterisierung, eine Gruppe nach der anderen änderte ihren provisorischen Namen und führte das Wort Tierrecht ins Programm ein. Typisch etwa der »Bundesverband der Tierversuchsgegner«, der bereits 1983 als Dachverband vieler Ortsgruppen und -vereine von Ilja Weiss und Eisenhart von Loeper gegründet wurde und bald darauf den Zusatz »Menschen für Tierrechte« in den Namen aufnahm.

Da jede/r anpacken konnte, was ihm/ihr wichtig schien, trat einerseits eine Zersplitterung der Aktivitäten ein, das Feld wurde einfach zu groß, andererseits schärfte sich der Blick auf die eigentliche Ursache des auf allen Gebieten wuchernden Tierelends: auf die Stellung des Tieres in der menschlichen Gesellschaft, auf seine totale Rechtlosigkeit.

Nach und nach überstieg die Fülle der Aufgaben, die sich vor uns auftat, die Kräfte. Es mußte so viel Arbeit und persönlicher Einsatz an Zeit, Energie, Erfindungsgabe und eigenem Geld eingebracht werden, dass es erstaunlich ist, wie lange und intensiv es überhaupt durchzuhalten war. Eine Zoobesetzung hier, eine Jagdstörung dort, Protestaktionen gegen Zirkusse, gegen Lebendtransporte in Triest oder auf österreichischen Autobahnen, gegen Military-Reiten in Tschechien, gegen Delphinarien in der Schweiz oder in Nürnberg, gegen das »Gänsereiten« im Ruhrgebiet, Fernsehdiskussionen und, und, und. Hinzu kamen Polizeivernehmungen und Gerichtsverhandlungen.

Viele »Ehemalige« schauen immer noch mit Nostalgie auf diese heiße Phase zurück. Aber sie mußten langsam einsehen, dass auch die Tapfersten mal erschöpft sind und auch, dass Aktionsformen mit der Zeit gehen müssen. Vor allem war es wohl die Frustration, die die in den Anfängen so einheitlich und euphorisch aufgebrochene Bewegung schwächte, weil sie offenbar nichts zu bewegen schien. Meßbare Erfolge blieben aus und damit die Energiezufuhr. Die Sache und die Aktionen hatten für die Medien keinen Neuigkeitswert mehr, so dass sie das Interesse verloren, die Demos schrumpften auf zweistellige Teilnehmerzahlen.

Selbst der jahrelang linear verlaufende Anti-Pelz-Kampf, der zum Beispiel in München (mit einer Ausnahme) alle großen Pelzgeschäfte zum Aufgeben gezwungen hatte, die protzigen Pelzreklamen verschwinden ließ und vom Fernsehen sowie vielen Prominenten positiv begleitet wurde, erfuhr nach der »Wende«, als sich neue Märkte öffneten, einen Rückschlag. Viele MitstreiterInnen tauchten enttäuscht wieder ins Privatleben ab.

War die Tierrechtsbewegung tot? Sie war es nicht. Sie hat nur -teilweise - ihr Gesicht gewandelt. Die Erkenntnis, dass noch so leidenschaftliche Proklamationen die Welt nicht mit einem Schlag verändern, ließ andere Vorgehensweisen entstehen. Die Grundidee hat sich nicht verflüchtigt, das kann sie gar nicht, so lange das weltanschauliche Gefüge der westlichen Welt erhalten bleibt, das sie produziert hat. Heute bedient sie sich der moderneren Kommunikationsmittel und hat sich von der Straße ins Internet begeben. Zugegebenerweise schließt das viele, besonders ältere, Menschen aus. Aber es eröffnet andrerseits neue Kontakte und Koordinationswege, beschleunigt und professionalisiert das Handeln. Seit einigen Jahren gibt es wieder sichtbare Aktionen (die übrigens nie gänzlich aufgehört haben) zum Beispiel gegen die Jagd oder solche, die da angreifen, wo es wehtut, am Geld, indem sie hartnäckige Kampagnen gegen bestimmte, zielbewußt ausgewählte Unternehmen führen, die am Tierausbeutungsgeschäft verdienen. Über solche Kampagnen werden hier andere detailliert berichten. Es hat sich inzwischen gezeigt, dass dieses Vorgehen konkrete Erfolge produzieren kann wie etwa die Schließung der Pelzfarm Roßberger oder den vollständigen Rückzug der Häuser C& A und Karstadt AG aus dem Pelzgeschäft. (In England, wo animal rights - AktivistInnen auf diesem Weg schon mehrere Versuchstierzuchten zum Aufgeben gezwungen haben, läuft seit zwei Jahren eine imponierend professionell aufgezogene Kampagne gegen einen hünenhaften Gegner, das größte Tierversuchslabor Europas, HLS, das fast in den Bankrott getrieben wurde und sich nur durch die Flucht an die Börse der USA zunächst retten konnte, wo es weiter verfolgt wird. In den USA und in England findet fast jede Woche irgendwo eine Protestaktion statt, oft heftige und so militante, dass die gegenwärtige amerikanische Regierung etwa die ALF (Animal Liberation Front) schon den Anti-Terror-Gesetzen unterwerfen will, dazu politisches Lobbying auf regionaler Ebene, wodurch zum Beispiel kürzlich in Oklahoma der Hahnenkampf verboten wurde und in Florida das Verbot der Kastenhaltung von Schweinen in die Verfassung kam oder Behörden in Kalifornien das Wort »owner«, Eigentümer, für Haustiere amtlich in »guardian«, Hüter/ Vormund, geändert haben.) Eine verstärkte theoretische Beschäftigung ist zu beobachten, und der Informationsfluß hat sich verbessert. Die - meist schriftlich im Internet und in eigenen Zeitschriften geführten - Diskussionen spitzen viele Fragen zu, bis hin zu der Behauptung, dass es in Wirklichkeit noch gar keine Tierrechtsbewegung gebe, weil die unbedingte Forderung nach der Abschaffung jeglicher Verfügungsmacht über Tiere noch immer nicht artikuliert sei und kaum jemand unter den TierrechtlerInnen konsequent entsprechend dieser Unbedingtheit lebe. Unbeirrt ziehen andere den Karren weiter, der den mühseligen Weg über die Gesetzgebung nimmt.

Während das heißblütige, aber diffuse Unterfangen des ersten Jahrzehnts langsam aus den Schlagzeilen verschwand, entwickelte es unter der Hand immer radiklere Positionen. Ein ganz entscheidender Unterschied zu der ersten Phase ergab sich aus einem überraschenden Neuansatz. Ebenso scheinbar plötzlich wie Anfang der 80er Jahre die lautstarken Neo-TierschützerInnen auf den Plan traten und zu TierrechtlerInnen mutierten, so plötzlich tauchte Mitte der 90er allerorten eine ganz neue Spezies auf: die Veganer und Veganerinnen.

Anders als die sozusagen »erste Generation« wichen sie nicht mehr der Ernährungsfrage aus, sondern stellten sie provokativ in den Mittelpunkt. Und sie fingen bei sich selbst an. Mit Staunen begann man hier und da diese Erscheinung wahrzunehmen: Leute, die jede Puddingpackung auf ihre tierlichen Bestandteile untersuchen, die Milch und Honig, den Inbegriff irdischer Freuden seit biblischer Zeit, für kriminell erklären, alltägliche Lederschuhe ebenso verdammen wie luxuriöse Pelze und die schlichte Käsesemmel nicht minder als die Gänseleberpastete.
 
 


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