Positiv gewendet könnte sie eine »grassroot« - Bewegung genannt werden, ein Denken, das vielerorts gleichzeitig »von unten«, sozusagen wie Gras aus der Erde, zu wachsen begann. Dazu sind einige Voraussetzungen nötig gewesen, aufgelockerte Erde und Samen, und die waren historisch zuerst in England und in den Ländern der angelsächsischen Kultur gegeben.
Warum gerade da, muß einer gründlicheren Kulturanthropologie zu klären vorbehalten bleiben. Die Tatsache, dass in England die ersten Tierschutzgesetze und -vereine entstanden, deren altehrwürdigster sich »Royal Society« nennen darf - was die Begünstigung durch die oberste politische Instanz, damals Queen Victoria, bezeugt - , dass sich dort die ersten Vegetariervereinigungen der Neuzeit gründeten und dass bereits im 19. Jahrhundert Parlamentsschlachten um den Tierschutz stattfanden, zeigt jedenfalls, dass da schon lange über Tiere als zu respektierende Wesen nachgedacht wird. Und Gedanken sind Samen. Der entscheidende, bis in unsere Tage fortzeugende, Gedanke wurde bekanntlich (1789) von dem englischen Philosophen Jeremy Bentham formuliert: In seinem »Es kommt nicht darauf an, ob sie sprechen, sondern dass sie leiden können« steckt die Wende von der Betonung der Unterschiedlichkeit zur Betonung der Gleichheit. Dass die heutigen radikalen Spitzen von »animal rights« ebenfalls ganz überwiegend aus dem angelsächsischen Bereich kommen, mit Schwerpunkten in den USA, dürfte mit dieser Tradition zusammenhängen. Immerhin hat der klassische Tierschutz das Leiden der Tiere wenigstens überhaupt zur Kenntnis genommen und thematisiert. Mit einiger Zeitverzögerung entfaltete im 20.Jh. die Idee von den Tierrechten aber auch in Deutschland, Skandinavien, Holland, Italien und, mit Abstufungen, überall eine Eigendynamik Ich kann nur aus eigenem Erleben berichten, dass sich der Aufbruch zum Tierrecht, wie er hierzuland spontan einsetzte, auf so gut wie keine vorgedachten Muster stützte und sich sozusagen selbst entzündet hat. Dasselbe erzählen Freunde aus Italien und sogar aus dem mit einer extrem tierverachtenden Tradition belasteten Spanien. Gerade darin sehe ich ein Indiz für die innere Logik und Zwangsläufigkeit des Tierrechts- oder Tierbefreiungsgedankens - er lag direkt auf dem Weg. Nur dass die meisten Menschen einen Umweg machen, um nicht in ihrem Weltbild darüber zu stolpern.
In Deutschland, der damaligen Bundesrepublik, wurde der »evolutionäre Sprung« um 1980 herum sichtbar. Am Beginn stehen kleine Gruppen ohne Theorie, ohne Führerschaft, ohne Geld. Sie fanden sich plötzlich im ganzen Land, druckten und kopierten handgemachte Flugblätter mit vielen Schreibfehlern, malten wilde Plakate, fanden sich bald zu bundesweiten Demonstrationen zusammen und erregten ziemlich viel Aufsehen. Die meisten TeilnehmerInnen kamen aus dem traditionellen Tierschutz, der ihnen ungenügend erschien, manche von den damals jungen Grünen und vom auch noch jungen Umweltschutz, manche von der politischen Linken, aber auch viele Einzelne, die ohne einschlägige »Vorbelastung« irgenwie spürten, dass sich hier etwas Neues und Wichtiges begab. Von heute aus gesehen mutet es paradox an, dass sich kaum »bekennende« VegetarierInnen unter ihnen fanden, schon gar keine organisierten. Den Zündfunken bildete eindeutig das Schreckenswort »Tierversuche«. Fast alle Gruppierungen von Hamburg bis Darmstadt, von Ulm bis Berlin oder Kirchheim im Walde nannten sich »Tierversuchsgegner« und konzentrierten ihre Aufklärungsarbeit auf dieses Thema. Sehr früh traten auch sogenannte »militante« TierversuchsgegnerInnen auf den Plan, die durch Tierbefreiungen aus Labors und Zuchtanstalten und auch schon mal durch Zerstörung von Gerätschaften oder symbolische Brandanschläge auf entstehende Versuchsanstalten für die Problematik Aufmerksamkeit suchten.
Diese Szene der Tierversuchsgegner war, wie schon bemerkt, ohne Theorien aufgekeimt. Es standen keine Bücher zur Verfügung, von Peter Singer, Tom Regan oder anderen TheoretikerInnen hatte noch niemand etwas gehört. Höchstens die Antivivisektionsschriften des Ehepaars Stiller, beide Psychoanalytiker, kamen manchen in die Hand und wurden zitiert oder das Buch des Schweizer Autors Hans Ruesch » Die nackte Herrscherin«, womit die Tierversuchsmedizin gemeint war. Kritische Äußerungen von Ärzten und Forschern dienten als willkommene Belege für das, was ohnehin gedacht wurde. Die erste Fernsehdokumentation über Tierexperimente, so mutig wie später keine mehr, hatte einen unerwarteten Effekt: Ihr Autor, der berühmte Horst Stern, bemühte sich, die schrecklichen Bilder, die er zeigte, zu relativieren und der Normalbevölkerung lediglich den Preis für ihren Anspruch an den wissenschaftlichen Fortschritt vorzuführen. Aber die Leute sahen nur die Bilder und forderten »Aufhören!« , entsetzten sich über die als barbarisch empfundene »moderne Forschung«, verglichen sie mit Nazimethoden. Eine ähnlich starke Breitenwirkung erzielten, viel später, erst die Filme Manfred Karremanns über Tiertransporte.
Hier und da brauchte die so spontan entstandene und heterogene Bewegung ein paar große Namen oder Titel, um sich irgendwie zu verankern. Ich erinnere mich, wie glücklich wir über einen fulminanten Artikel von Prof. Robert Spaemann waren, dem Lehrstuhlinhaber für katholische Philosophie an der Universität München, in dem die sofortige totale Abschaffung von Tierexperimenten gefordert wurde, weil diese Praxis nicht mit der Menschenwürde vereinbar sei. Eine Druckereibesitzerin, die uns bei einer Demo gesehen hatte, druckte uns davon gratis 10 000 Flugblätter. Spenden in Hunderttausendergrößen, wie sie etwa Jürgen Möllemann für ein einziges Flugblatt mit antisemitischen Anklängen erhalten hat, wurden uns freilich zu keinem Zeitpunkt zuteil.
Es fanden sich großartige Redner - rhetorisch mitreißende wie der Journalist Ilja Weiss oder die ergraute Vorsitzende eines aufmüpfigen Tierschutzvereins, Anneliese zum Kolk, oder der blutjunge Aktionist Andi Wolff aus Berlin, der keine Bücher las, aber Tausende auf einem Platz in Bann ziehen konnte; bewegt argumentierende wie der Rechtsanwalt Eisenhart von Loeper, Mitglieder der auch damals neu gegründeten Vereinigung »Ärzte gegen Tierversuche«; leidenschaftlich anklagende aus der Menge der Aktiven, die sich ans Mikrophon trauten. Nichts von alledem war gesteuert. Es gab lediglich telefonische Verabredungen und Rundbriefe, um bei Demonstrationen möglichst viele TeilnehmerInnen auf die Straße zu bekommen. Jede einzelne Gruppierung dachte sich Aktionen aus und organisierte Veranstaltungen, die möglichst Presse und Fernsehen als Multiplikatoren anziehen sollten. Dazu ist sehr vielen sehr viel eingefallen. Mit Beethoven oder Rockgruppen, Tierschreien vom Band, mit Pantomimen, Straßentheater, Satiren, phantasievollen Riesentransparenten, mit lebenden Tieren oder Pappmachefiguren, in Käfige gepreßten Menschen, mit Dachbesteigungen und lebenden Fackeln ( Stuntmen in Asbestanzügen) wurde Publikum angezogen. Go-ins in Universitäten und Sit-ins vor Labortüren und Ärztekongressen wurden organisiert, Podiumsdiskussionen, Protestaktionen, Hungerstreiks, Besetzungen von Instituten, Blockaden und natürlich immer wieder Tierbefreiungen. »Prominente« wie Barbara Rütting, Will Quadflieg, Nina Hagen oder der Atomkritiker Prof. Robert Jungk, die an Demos oder Podiumsgesprächen teilnahmen, verhalfen zu Presseresonanz
Bald erfaßte die permanente Diskussion bei den - vielerorts wöchentlichen - Gruppentreffen auch alle anderen Bereiche, bei deren legalen (!) Praktiken Tiere die Opfer sind: Pelz, Zirkus, Zoo, Jagd kamen ins Visier, Eierproduktion und Legebatterien, Massentierhaltung und Tiertransporte . Auffallend spät erst der Schlachthof und das Fleischessen.
Zwar waren die meisten MitstreiterInnen aus dem ersten Jahrzehnt im Lauf der Zeit VegetarierInnen geworden, weil sie immer dringlicher den Widerspruch zwischen dem Einsatz für Tiere an allen Fronten und der Wurst auf ihrem Teller wahrnahmen, mit dem der klassische Tierschutz noch gut leben konnte. Aber es bleibt - leider - festzustellen, dass der Impuls zum Aufbruch primär nicht aus der vegetarischen Idee kam, diese sich vielmehr aus der Ernsthaftigkeit der Ansätze und dem Umgang mit Gleichgesinnten ergab. Es wurde auch nicht viel Wesens drum gemacht und verstand sich bald von selbst. Jahrelang herrschte außerdem die Meinung vor, in der Öffentlichkeitsarbeit den Vegetarismus nicht allzu sehr zu akzentuieren, um nicht diejenigen im großen Publikum zu verlieren, die bereit waren, Unterschriften gegen Tierversuche oder Pelz zu leisten, aber bei dem Gedanken, damit auch den Verzicht auf ihr gewohntes Mittagessen zu unterschreiben, zurückgeschreckt wären. Den eigenen Vegetarismus stellte man nicht zur Schau, benutzte ihn höchstens defensiv gegenüber dem häufigen Vorwurf »Aber ihr eßt doch auch Fleisch!«