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Ein Artikel von Sina Walden 


Die Tierrechtsbewegung - work in progress

Eine Geschichte der Tierrechtsbewegung in Deutschland ist noch nicht geschrieben worden. Vielleicht ist es auch noch zu früh, denn diese Geschichte ist erst rund zwanzig Jahre alt. Aber ein Rückblick und ein Ausblick sind bei einer langen Wegstrecke ab und zu nötig und hilfreich. Aussichtspunkt soll der Hügel sein, der sich im Jahr 2002 mit der Aufnahme des Tierschutzes ins Grundgesetz vor unseren Augen zeigt. Es ist ein kleiner Hügel, gemessen an dem Gebirge, das vor uns liegt, aber doch eine Erhebung, die vor zwei Jahrzehnten noch nicht einmal sichtbar war. Auch der vorzeitige Tod mehrerer Aktivisten und Aktivistinnen in den letzten Jahren mahnt uns, dass wir anfangen sollten, Zeugnis abzulegen für eine Entwicklung, die noch immer nicht genügend in ihrer Bedeutung wahrgenommen wird.

Diese Bedeutung sehe ich in der Begründung eines Moralkonzepts, das mit der Einbeziehung der Tiere einen völlig neuen, revolutionären, nämlich einen artübergreifenden ethischen Ansatz in die Welt gebracht hat. Damit meine ich nicht, dass wir allein damit in absehbarer Zeit die Tiere von ihrer Bedrückung durch den Menschen befreien können, wohl aber, dass die Verbreitung dieser Ethik die einzige Chance dazu bietet. Mit den von der Tierrechtsphilosophie eingeführten Begriffen »Speziesismus« und »Anthropozentrik« läßt sich umreißen, wogegen die Tierrechtsbewegung angetreten ist - gegen die jahrtausendealte Anmaßung des Menschen, sich zum Herrn über die anderen Tiere zu erklären.

Seit Beginn der Geschichte des sogenannten homo sapiens entwickeln sich die menschlichen Kulturen entlang der zunehmenden Beherrschung der Natur im allgemeinen und der Tiere im besonderen. Es gibt genügend Funde aus vor- und frühgeschichtlicher Zeit, die das Jagen und Essen von Tieren und nach und nach deren Domestizierung, sprich Versklavung, belegen. In geschichtlicher Zeit sehen wir kein einziges Kulturkonzept, das nicht die Beherrschung der Tierwelt zur Grundlage hatte. Selbst in den scheinbar positiv abweichenden Großkulturen wie der altägyptischen, der frühhinduistischen und den buddhistischen sind es nur einige - manchmal viele - Tierarten, die dem Wert des Menschen gleichgestellt oder sogar als göttliche Wesen höher als dieser geachtet werden. Auch im antiken Ägypten wurde gejagt, auch buddhistische Mönche dürfen Fleisch essen, wenn es ihnen angeboten wird. Und der Dalai Lama trägt Lederschuhe und greift bei Empfängen fröhlich zur Fleischschüssel.

Allen menschlichen Gesellschaften ist gemeinsam, dass ihr Verhältnis zum Tier auf irrationalen Voraussetzungen basiert. Die Ausschläge nach oben und unten - zwischen Heiligung, Dämonisierung und bewußtlosem massenhaften Verbrauch - sind nur Varianten der letztlich fraglosen Überlegenheit des Menschen, der, wie ein Tyrann, mal aus Lust und Laune, mal aus Furcht, aus Eigenliebe, aus scheinbarer Notwendigkeit oder aus schierer Ignoranz den Tieren ihren jeweiligen Platz zuweist.

Um mit einem großen Sprung von der Steinzeit in die Aktualität zurückzukommen: Auch unser heutiger Umgang mit Tieren ist hochgradig irrational. Der Unterschied zu früheren Epochen ist aber der, dass er mitten in einer sich als rational verstehenden Zivilisation stattfindet. Er ist ein blinder Fleck in einem Weltverständnis, das seinen Konzepten naturwissenschaftliche Erkenntnisse zugrunde legt und das im geistig-politischen Bereich die egalitären Prinzipien von Gleichheit und Gerechtigkeit anerkennt.

Die Philosophin Paola Cavalieri, Mitbegründerin des Great Ape Project, das analoge »Menschenrechte« für die Menschenaffen anstrebt, definiert den moralischen Fortschritt schlechthin als Abbau hierarchischer Strukturen durch den Gleichheitsgedanken. Über das, was der ethische Inhalt des moralischen Fortschritts sein soll, herrscht weitgehend Konsens : Frieden, Gewaltlosigkeit, Freiheit von der Willkür der Stärkeren, die Verdammung grausamer Machtausübung, das Anrecht aller Individuen auf ein halbwegs erträgliches Leben. Wir wissen natürlich, dass es mit alledem noch nicht sehr weit her ist. Dennoch ist der Widerspruch unübersehbar, um nicht zu sagen schreiend, den diese im Grundsatz unbestrittenen und teilweise mindestens in den westlichen Kulturen auch praktisch oft durchaus effizient verfolgten Ziele zu der theoretischen Rückständigkeit unseres Tierverständnisses bilden - von der Praxis einmal ganz zu schweigen.

Ich meine, dass es eben dieser schreiende Widerspruch ist, der - zunächst eher gefühlt als gedacht - die Tierrechtsbewegung ins Leben gerufen hat. Es ist kein Zufall, dass diese Idee nahezu zeitgleich in vielen Ländern Fuß faßte, kein Zufall, dass sie Resonanz findet, kein Zufall, dass sie sich philosophisch immer eindeutiger auf die emanzipatorischen Konzepte stützt - den Gleichheitsanspruch für alle und seine Derivate wie Antirassismus, Gleichstellung der Frauen, Menschenrechte, Rechte von Minderheiten, von Behinderten und Benachteiligten, Individualrechte aller Art.

So lange die Ausgrenzung der Tiere aus der Moral der Menschen auch anhielt und anhält, die dank des selbstgeschaffenen gigantischen Überbaus durch Religionen und andere selbstspieglerische Gedankengebäude in Bewußtsein und Unterbewußtsein tiefe Wurzeln geschlagen hat - diese Gebäude mußten spätestens bei der Kombination der egalitären Bestrebungen mit naturwissenschaftlichen Betrachtungsweisen Risse bekommen. Das heutige Wissen von den kognitiven, technischen und sozialen Fähigkeiten der anderen Tiere hat die künstlich hochgespielten Unterschiede immer mehr eingeebnet und die Gemeinsamkeiten aller »sentient beings«, aller fühlenden und erlebenden Wesen untermauert.

Je auffallender der schreiende Widerspruch zwischen den Ansprüchen der modernen Gesellschaft an die Bewertung und Behandlung von menschlichen Wesen und der Akzeptanz und Duldung der Greuel, die tierlichen Wesen zugefügt werden, zutage trat, desto stärker wurde seine Sprengkraft.

Ich beantworte hiermit die auf dieser Tagung gestellte Frage nach der Zukunftsperspektive mit einem klaren Ja. Die Tierrechtsidee als Fortsetzung der zeitgenössischen Moralkonzepte ist logisch zwingend und daher nicht mehr auszuhebeln, so wenig wie die Demokratie oder die Gleichberechtigung der Frau. Die zunehmende Flut der seriösen Veröffentlichungen zum Thema, die Auseinandersetzung in Philosophie und Literatur zeigt die Richtung an. Natürlich ist nicht zu übersehen, dass in der Praxis noch kaum die Oberfläche angekratzt ist und dass die Widerstände ungeheuer sind. Es ist auch unmöglich, Prognosen darüber abzugeben, wie lang die Zeiträume sein werden, die zu einer realen Umsetzung nötig wären, nicht einmal darüber, ob sie sich letztlich gegen den menschlichen Egoismus durchsetzen kann. Viel, alles wird davon abhängen, wohin sich die Menschheit entwickelt, doch die Tierrechtsidee gehört heute wesentlich zu den Motoren, die sie auf den besseren Weg zu treiben suchen und hat ihren Platz auf dem gesellschaftspolitischen Feld und nicht in einer Kuschelecke für Tierfreunde.

Meine Aufgabe hier ist es, die deutsche Tierrechtsbewegung zu schildern, besser gesagt zu skizzieren, da inzwischen so viel Material vorliegt, dass es schon für mehrere Bücher unter verschiedenen Aspekten reichen würde. Aber ich möchte doch zunächst den internationalen Rahmen abstecken, in dem sie sich bewegt und dabei meine eigene Überzeugung unterstreichen, dass es sich nicht um ein isoliertes Phänomen handelt, sondern um einen zwangsläufigen Schritt im Prozeß der westlichen Kultur. Manche sprechen auch von kultureller Evolution.

Dass die Idee in diesen Zusammenhang gehört, läßt sich zunächst vielleicht am besten ex negativo zeigen, an all dem, was die Tierrechtsbewegung - die mit gewissen Varianten auch Tierbefreiungsbewegung genannt werden kann - nicht ist. Sie ist nicht religiös, da sie keine metaphysische Verankerung hat, keine Riten befolgt, keine Heiligkeit beansprucht. Sie ist auch insofern keine Religion oder Sekte, als sie nicht einem Guru oder Propheten nachstrebt und dessen »Visionen« oder Lehren als Offenbarungen ansieht. Sie besteht auch nicht aus der Anhängerschaft eines weltlichen Vordenkers, wie oft in der Presse oberflächlich behauptet wird, wobei meist der australische Philosoph Peter Singer als der »Erfinder« des Tierrechtsgedankens genannt wird. Ebenso wenig ist sie eine politische Gruppierung, ein geschlossenes Denksystem, sprich Ideologie, eine Kaderschmiede, die ihre Mitglieder bewußt auf Effizienz und Linientreue trimmt, oder ein Wohltätigkeitsverein, der bedauernswerten Opfern eines im übrigen wohlgeordneten Systems zu Hilfe eilt. Und ihrer Herkunft nach stammt sie nicht in direkter Linie aus dem klassischen Tierschutz, wenn diese Ahnherrschaft auch nicht gänzlich verleugnet werden soll. Darüber wird gleich noch zu reden sein.
 
 


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