Allmählich schälten sich aber die Kernpunkte heraus, die die »selbsternannten« Tierschützer/innen (wer hätte sie ernennen sollen?) in Widerspruch zu den gesellschaftlich akzeptierten, unpolitischen, karitativ orientierten, gebracht hatten. Es waren nicht nur die äußeren Formen ihres Auftretens. Vielmehr realisierten sie mehr und mehr, dass der Schutzgedanke allein, ohne weiterführende Perspektive, keinen Zukunftskeim enthält. Im Massenzeitalter würde er immer weiter an den Rand gedrängt werden, eine Art Sondermüllentsorgung der von der Gesellschaft permanent aufs neue produzierten Probleme. Mitleidige Menschen und gestresste Tierheimangestellte würden sich bis ans Ende der Tage dabei aufarbeiten, einzelnen armen Tieren aus der Not zu helfen, während weitaus stärkere Kräfte Millionen ausbeuteten und vernichteten.
Phantasie und Mut waren gefragt, denn Vorbilder für offensiven. Tierschutz gab es nicht. Bücher waren noch nicht auf dem Markt, allenfalls auf Englisch und schwer aufzutreiben. Handgefertigte Flugblätter machten in schlechten Kopien die Runde. Und Geld war auch keines da. Aber dafür Leidenschaft und Aktivitätsdrang. Eine Fülle von öffentlichen Veranstaltungen und spektakulären Aktionen bestimmte das Bild. Es gab hervorragende Redner und einfallsreiche Mitarbeiter. Was es nicht gab, war eine Führung. So entstand eine »Bewegung von unten«. Die Idee vom eigenen Recht der Tiere wurde immer enger umkreist. Das alle verbindende Grundgefühl von der elementaren Gleichheit menschlicher und tierlicher Bedürfnisse und die Anerkennung der Würde der Tiere gab eine innere Richtschnur, die die Einzelnen durch ihren Alltag begleitete und bei gemeinsamen Plänen schnell einen Konsens finden ließ. Die fluktuierenden Gruppen stellten keine Kaderschmieden dar, schon mangels theoretischer Grundlagen, sondern eine Art Schulen, in denen der Lehrstoff gegenseitig aufgenommen wurde. So übte man sich zum Beispiel in der Vermeidung eingefahrener Redewendungen, die Tiere herabsetzen. Und wer noch nicht bei vegetarischer Lebensweise angelangt war, kam bald von selbst dahin.
Wie aber sollte die Gesellschaft überzeugt werden, die Tiere in Ruhe zu lassen? Die werdenden Tierrechtler/innen sprachen zwar von der Tyrannei des Menschen über die anderen Tiere, aber sie wussten auch nicht, wie die zu beseitigen wäre. Das war das Ziel, das in weiter Ferne angepeilt wurde. Die Geschichte lehrt, dass es bei allen Bestrebungen, angemaßte Herrschaft und Willkür abzuschütteln, darum geht, den Unterdrückten Rechte zu erkämpfen und zu sichern. Über die Artengrenze hinauszudenken stellt für diejenigen, die die perfide Künstlichkeit der egoistischen Grenzziehung einmal durchschaut haben, kein Problem dar. Hier liegt die Wegkreuzung, an der Tierrechtsdenken vom traditionellen Tierschutz abzweigt: Die grundsätzliche Anerkennung der Rechte der Tiere auf ihr eigenes tierliches Leben wurde die Zielvorgabe, nicht die punktuelle Milderung ihrer Abhängigkeit, die nicht nur eine permanente Quelle für Qual und Not darstellt, sondern die Qual und Not selbst ist.
Es gibt immerhin Beispiele dafür, dass moralische Forderungen zu politischen gemacht und schließlich ins Recht gesetzt worden waren. Von Gandhi bis zum Vietnamkrieg und den Bürgerrechtsbewegungen hatte es sich immer um die Herausforderung einer scheinbar unüberwindlichen Übermacht gehandelt. Ließ sich daraus etwas für die entstehende Tierrechtsbewegung lernen? Einige Aktive setzten auf die Tat und kündigten mit Tierbefreiungen aus Versuchslabors, der Zerstörung von Foltereinrichtungen oder der Behinderung tierfeindlicher Tätigkeiten die Legalität auf. Dass solche Handlungen nach dem Gesetz Diebstahl, Sachbeschädigung oder Nötigung hießen, war uninteressant, da die Gesetze ja das Unrecht gegen die Tiere schützen. Auch Sklavenhalter waren zu ihrer Zeit durch das Gesetz geschützt. Tierbefreiungen waren (und sind) konkrete Nothilfe und dienten dazu, den Blick auf das legalisierte Unrecht zu lenken. Da sie höchst medienwirksam waren, erfüllten sie ihren Zweck. In der Bevölkerung brachten sie enorme Sympathien. Umso kälter ließ die Tierbefreier/innen der von Teilen des organisierten Tierschutzes erhobene Vorwurf der »Gewalt«. Zu lächerlich war er angesichts der überdimensionalen Gewalt, die den Tieren angetan wurde. Aber das Band war ohnehin schon zerschnitten. Tierschutz und Tierschutz war nicht mehr dasselbe. Im übrigen hat bis zum heutigen Tag nie jemand aus der Tierrechtsszene physische Gewalt gegen Lebewesen, Mensch oder Tier, angewandt. Das ist Wunschdenken derer, denen die ganze Richtung nicht passt.
Den legalen wie den illegalen Aktionen ging es zunächst darum, Aufsehen zu erregen, den Konsens der Verdrängung und Rationalisierung aufzubrechen. Ein geschlossenes Konzept oder gar eine »Ideologie« lag all diesen sozusagen wildwachsenden Aktivitäten nicht zugrunde. Doch fällt auf, dass bei so vielen Menschen landauf, landab offenbar die gleichen Gefühle und Gedanken nach Äußerung drängten und ein Echo fanden. Auch die Medien sprangen an. Konnte man nicht glauben, dass »die Zeit reif« war?
Sie war es nicht. Jedenfalls nicht für eine in absehbarer Zeit zu erhoffende Perestroika. Die Tierrechtsbewegung hatte sich zwar nie der Illusion hingegeben, in ein paar Jahren die Menschheit zur Aufgabe ihrer Privilegien zu bewegen, aber sie hatte doch die Widerstände gewaltig unterschätzt, die sich gegen ein Umdenken stemmen. Die Macht über die Tiere bildet einen Eckpfeiler, wenn nicht das Fundament der menschlichen Kulturen. Ein so gigantischer Überbau wurde über dem Töten und Essen errichtet, dass es in der Tat utopisch erscheint, ihn mit so schwachen Waffen wie Recht und Moral zu Fall zu bringen.
Die Tierrechtsbewegung ist in ein ruhigeres Fahrwasser gekommen. Von der Straße ins Internet. Aber das heißt nicht, dass sie ihre Ideen und Ziele zurückgestutzt hätte, anpasserisch geworden oder an der Realität gescheitert wäre. Sie hat sogar noch radikalere Strömungen hervorgebracht, wie den Veganismus. Das schlägt sich in vielen Publikationen nieder, darunter Kochbüchern und Rezeptsammlungen, auch in der Gründung von Vegan-Versandgeschäften zur praktischen Hilfe, um Pionierarbeit für eine veränderte Esskultur zu leisten. Der Anspruch der einzelnen an das eigene Verhalten ist gestiegen. Auf der theoretischen Ebene erscheinen zunehmend Bücher zum Thema, die die Argumente schärfen. International ist die Entwicklung in den angelsächsischen Ländern am weitesten, wo schon früh sich auch die akademische Philosophie der Tierfrage angenommen hat. Die Werke der Professoren Tom Regan (USA) und Peter Singer (Australien) sind Lehrstoff an den Universitäten und Diskussionsstoff in der Öffentlichkeit, »Animal Rights« ist ein stehender Begriff geworden. Und wer hätte vor Jahren geglaubt, dass die italienischen »animalisti« mit über 20 000 Teilnehmern für die »diritti degli animali« durch die Straßen von Rom ziehen würden, wie es in den letzten drei Sommern geschehen ist ?
In Deutschland mangelt es zur Zeit an kämpferischem Auftreten. Die publikumswirksamen Aktivitäten, die großen Demos und spannenden Sponti-Aktionen haben sich in ihren Formen weitgehend erschöpft, zumal Wiederholungen für die Medien auf Dauer kein Futter mehr abgeben und damit ihren Sinn verlieren. Immerhin hat sich diese Art von Öffentlichkeitsarbeit über fünfzehn Jahre gehalten und einen merklichen Bewusstseinsschub bewirkt. In vielen Köpfen wirkt sie weiter. Eine neue Idee war in die Welt gekommen, und Ideen haben ihre eigene Wirkungsgeschichte . Der zehnjährige Kampf um Aufnahme des Tierschutzes ins Grundgesetz, (was bei weitem noch nicht die Installierung von Tierrechten bedeutet hätte, aber einen Schritt auf dem Weg), hat zwar gerade eine Parlamentsschlacht verloren. Doch hat sich auch hier gezeigt, dass die höhere Bewertung des Tierlebens schon in die Köpfe gedrungen ist. Wenn vier von fünf politischen Parteien den Antrag unterstützen und nur die CDU/CSU (als eine gerechnet ) mit zynischer Hartnäckigkeit den Weg abblockt, gegen den immer wieder in Umfragen ermittelten Willen von über 80% der Bevölkerung, dann ergibt das ein deutliches Bild: Die Ideen sind auf einem guten Weg, aber die Macht liegt nach wie vor bei den wirtschaftlichen Interessen. Das muss nicht immer so bleiben. Die Kommentare in den Medien waren von einhelliger Empörung gekennzeichnet.
Die Tierrechtsbewegung im engeren Sinne hat sich zeitgemäß zu professionalisieren begonnen. Von der Baustelle, auf der Baumaterialien zusammengetragen wurden, ist sie in die Büros im schon errichteten ersten Stock umgezogen. Architekten brüten über An- und Ausbauplänen, Lieferanten kommen laufend mit neuen Angeboten. Und, ohne es zu wollen, karren aparterweise gerade die biologischen Wissenschaften massenhaft Zement herbei, indem sie die Nachweise für die Gleichheit, ja Identität der inneren Strukturen bei Menschen und anderen (Wirbel-)Tieren erbringen, die unser aller Grundbedürfnisse bestimmen.
Um im Bild zu bleiben: Das Fundament steht. Die Tierrechtsidee ist nicht mehr auszuhebeln, da sie sich mit zwingender Logik aus dem Gleichheitsprinzip ergibt. Die Wege, die gesellschaftliche Moral den wissenschaftlichen Erkenntnissen und dem Gerechtigkeitsgrundsatz anzupassen und aus ihrer zur Schizophrenie gewordenen Irrationalität zu befreien, sind vielfältig.
Im weiteren Sinne lässt sich heute unter Tierrechtsbewegung alles verstehen, was sich auf den Grundgedanken stützt, dass Tiere ein Recht auf ihr eigenes, vom Menschen nicht manipuliertes Leben haben und auf ihren eigenen Tod. Jede/r einzelne kann sich dazu rechnen, wenn er sich bemüht, in diesem Sinn zu denken und zu handeln, so klein der Beitrag sein mag. Auch Kinder, wenn sie Gummibärchen verweigern, weil sie wissen, was drin ist.
Sina Walden