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Das Tier in Religion, Recht und Ethik
Beginn der Neuzeit / Descartes
Seit der Renaissance begann sich das Denken langsam von der dogmatischen Theologie zu emanzipieren. Aber es darf nicht vergessen werden, daß gerade in dieser Zeit vom 15. bis zum 18. Jh. die Inquisition herrschte, die nicht nur Furcht und Schrecken verbreitete und abweichende Meinungen zum tödlichen Risiko werden ließ, sondern auch vorauseilenden Gehorsam bewirkte eine mit Einkommen verbundene Stellung konnte man ohne Botmäßigkeit nicht erlangen oder behalten. Und wegen der längst tief abgewerteten Tiere wird niemand, auch wenn er zu anderen Einsichten kommt, Kopf und Kragen riskieren. Auch das gottesfürchtige Volk war zu fürchten! (Man kann sich das verbildlichen, wenn man sich vorstellt, eine Gruppe junger Leute würde heute in eine Stierkampfarena in Madrid springen und ein Transparent mit der Aufschrift »Schluß mit der Tortur!« entrollen. Sie würden niedergebrüllt, ausgepfiffen, von der Polizeit hinausgeschleift, wenn nicht von der Menge gelyncht werden. In den weniger blutigen, aber für die Tiere nicht weniger qualvollen Zirkussen in Deutschland haben Tierrechtler/innen die schäumende und höhnische Wut des Publikums, das Hinausschleifen mit Verletzungen bis zum Knochenbruch und anschließende strafrechtliche Verurteilungen akut erlebt.)
So bleiben die öffentlichen Stimmen in der beginnenden Neuzeit auch in der Naturwissenschaft und unter den weltlichen Philosophen insoweit gedämpft, als keiner die Sonderstellung des Menschen in der Natur antastet. Oder, noch schlimmer: die Zweiteilung der Welt war schon so verinnerlicht, daß der Ausstieg aus dem System dem einzelnen Denker fast denkunmöglich wurde.
Am Schnittpunkt der alten Doktrinen und des neuen Zeitalters der exakten Wissenschaften taucht nun aber zu allem Unglück noch eine verhängnisvolle Figur auf, die nur der Teufel der Tiere erfunden haben kann: René Descartes (1596 1650). Dieser Begründer der mechanistischen Weltsicht, der Auffassung, daß alle Dinge nach bestimmten Naturgesetzen wie Maschinen funktionieren, mußte sich zwar auch eine Zeitlang vor der Inquisition verstecken, konnte sich aber bald öffentlich verbreiten, da er den Kernpunkt, den Menschen und seine göttliche Seele, unangetastet ließ. Er erlangte ungeheuren Einfluß, und er war es, der den entscheidenden alten Denkansatz der Anthropozentrik in die Moderne hinübergerettet hat, daß nämlich die »denkende Seele« den Menschen aus der Natur heraushebe und etwas Eigenständiges sei, das ihn kategorial von der Tierwelt trenne. Als Sitz dieser mit dem Denkvermögen gleichgesetzten Seele nahm er originellerweise die Zirbeldrüse an. (Obwohl er als eifriger Vivisektor tätig war, übersah der Forscher großzügig, daß auch Tiere eine Zirbeldrüse haben.) Mit seiner Zirbeldrüse erklärte er die Tiere zu Automaten, die wie ein Uhrwerk zwar Bewegungen zeigen, aber dazu nicht von einem inneren Vorgang getrieben werden, da ihnen mangels Seele innere Vorgänge fehlten. Sein berühmter Satz »cogito ergo sum« (Ich denke, also bin ich) war gar nicht so revolutionär, wie angenommen wurde und wird, denn es war die gute alte unsterbliche Seele, die, schon lange verbal austauschbar mit »Vernunft«, auf dem abendländischen Geistesmarkt im Handel war. Nur setzte er noch eins drauf: Er warf nun auch noch den letzten Teil der dreistufigen Seele, den sensitiven, fühlenden, den kaum die ärgsten Dogmatiker dem Tier abgesprochen hatten, (nur für unbeachtlich hielten), auf den Müll. Tiere können nach Descartes nicht fühlen und also auch nicht leiden. Diese jeder täglichen Erfahrung widersprechende Behauptung fand zwar das muß gerechterweise gesagt werden heftigen Widerspruch bei vielen seiner Zeitgenossen, aber das Phänomen trat ein, daß sie nicht der Lächerlichkeit verfiel, sondern zur Grundlage aller modernen Wissenschaften wurde, die sich mit dem Tier, besonders mit seiner Vivisektion befaßten, und das noch dazu unter dem Namen Rationalität. Passen Sie genau auf: Jedesmal, wenn Sie heute bei einem Streitgespräch über Tierversuche einen Experimentator, einen Vertreter der Pharmaindustrie, einen Politiker oder auch einen scheinbar unparteiischen Moderator das Wort »Vernunft« sagen hören, um die »Emotionalität« von Tierversuchsgegnern abzuwehren, hören Sie die Stimme von René Descartes. Und noch schlimmer: Diejenigen, die im Namen der Vernunft Tierversuche oder irgendeine dem Menschen irgendwie vielleicht nützliche Benutzung von Tieren auf deren Kosten verteidigen, wissen sich in Übereinstimmung mit dem »vernünftigen« Teil der Bevölkerung und ihrer geistigen und politischen Organe. Es ist tatsächlich so, als ob dieser Mann mit seiner bodenlosen Theorie die Welt behext hätte.
Die Behauptung, daß Tiere nicht fühlen und leiden können, ist zwar inzwischen aufgegeben, nachdem sie lange genug in der Wissenschaft gegolten hatte, aber übriggeblieben ist die andere Hälfte des falschen Dualismus, die unerhörte Überschätzung der menschlichen Vernunft, ohne Berücksichtigung ihrer höchst ungleichen Verteilung, ihrer wechselnden Inhalte und ihrer grundsätzlichen biologischen Beschränktheit. Aus diesem säkularisierten »göttlichen Funken«, diesem fragwürdigen Vernunftbegriff wird hinfort alle Berechtigung abgeleitet, mit dem Rest der Welt nach Belieben zu verfahren. Descartes' Zeit- und Gesinnungsgenosse, der engliche Jurist und Hobbyphilosoph Francis Bacon, als Kronanwalt der Königin Elisabeth eine Art Großinquisitor, begrüßte begeistert die neue Freiheit der Wissenschaft. Den Tieren wies er in seiner Zukunftsvision »Nova Atlantis« ziemlich genau den Platz zu, den sie heute haben: Sie sollten in Gehegen gehalten, einzelner Organe beraubt, größer oder kleiner gezüchtet, zu neuen Arten gekreuzt, zur Aufklärung über den menschlichen Körper lebend seziert und anatomisch untersucht werden. »Wir erproben auch an ihnen alle Gifte und andere innerlich und äußerlich wirkende Heilmittel, um den menschlichen Körper widerstandsfähiger zu machen«. (Text von 1626).
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