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Das Tier in Religion, Recht und Ethik
Von Aristoteles zu den Kirchenvätern
Weitaus wirkungmächtiger wurde aber ein anderer Denkansatz aus dem antiken Griechenland, die durch die Namen Platon und Aristoteles zu charakterisierende dualistische Lehre, die den Geist als reine, stofflose Energie ansah und von der Materie, dem Körper, trennte. Immerhin sprach Aristoteles den Tieren noch Empfindung und eine Art » wollender Seele« zu, beschied aber, daß die stoffunabhängige »Vernunft« allein dem Menschen vorbehalten sei. Es ist heute wohl kaum noch vorstellbar, wie sich im Altertum und in der hellenistischen Epoche, (in der sich auch das Christentum entwickelte), die Gemüter über solche Fragen erhitzten. Um es vorwegzunehmen: Die aristotelische Linie, (wie wir dieses Abspalten des im Menschen und nur in ihm wirkenden Geistes von allen anderen Erscheinungsformen des organischen Lebens der Einfachheit halber nennen wollen), hat gewonnen. Hier begann die Inthronisierung der sogenannten Vernunft. Hinzu trat die Behauptung, daß die formende Kraft hinter und in allen Lebenserscheinungen zielgerichtet vorgeht, auf die höchste Stufe, den denkenden Menschen, angelegt sei. Von weiteren Schulen dieser Richtung sei noch die Stoa erwähnt. Die Stoiker wirkten insbesondere auf das römische Denken ein.
Der Pythagoreer Plutarch, ein bedeutender Historiker und Philosoph des ersten nachchristlichen Jahrhunderts (50 125 n. Chr.) ironisierte bereits scharfsinnig die besonders von den Stoikern vertreten Auffassung, daß die Welt um des Menschen willen geschaffen sei, mit dem Argument, welchen Sinn dann wohl die schädlichen Insekten hätten. Plutarch verfaßte Abhandlungen über den Tierverstand und trat für eine Anerkennung tierlicher Vernunft ein, aus der er ihren Anspruch auf eigene Rechte ableitet. Er argumentierte auch gewitzt und nachdrücklich gegen die antivegetarische Polemik.
Doch die andere Seite trug auf Dauer den Sieg davon. Das wäre ihr aber vermutlich nicht so leicht und so total gelungen, wenn ihr nicht ein historischer Faktor zuhilfe gekommen wäre: die Institutionalisierung des Christentums. Während Aristoteles von einer individuellen unsterblichen Seele nichts wußte, ebensowenig wie die jüdische Religion, von der sich ja das Christentum als Sekte abgespaltet hatte, wurde eben diese Vorstellung zum Zentrum der christlichen Dogmatik. Die mehr oder weniger gelehrten Kirchenväter der frühen Jahrhunderte beriefen sich zur quasi wissenschaftlichen Abstützung ihrer Lehren auf die Autorität des Aristoteles und andere »heidnische« Denker, die die Sonderstellung des Menschen in der Natur behaupteten. Diese Richtung verband sich mühelos mit dem im Alten Testament vorgegebenen Glauben, daß der Mensch Gottes Ebenbild sei und daß Gott die Welt und alles, was auf ihr kreucht und fleucht, für den Menschen und zu seiner Nutzung gemacht habe. Folgerichtig sprach Kirchenvater Augustinus (354 430) den Tieren als Nichtbesitzenden des unsterblichen göttlichen Anteils im Menschen, der Vernunftseele, diese Seele ab und erklärte geradeheraus, daß der Mensch keinerlei Pflichten gegen die Tiere hätte. Nichts, was wir den Tieren antun, kann eine Sünde sein. So war des Tier wesenlos geworden, sozusagen entkernt. Ihm fehlte das Wichtigste, um das sich von nun an alles drehen sollte, die unsterbliche Seele. Augustin dekretierte übrigens auch, daß die Frau nicht als Ebenbild Gottes erschaffen sei mit den bekannten Folgen der im Lauf der Kirchenherrschaft zunehmenden Entmachtung der Frau bis hin zur Hexenverfolgung. Immerhin wurde sie nicht gänzlich von der Heilserwartung ausgeschlossen, während über die Tiere die totale Recht- und Schutzlosigkeit hereinbrach.
Auch von der Religion der Väter, dem Judentum, wählte die christliche Dogmatik die den Tieren schädlichen Aspekte aus oder interpretierte Bibelstellen in diesem Sinne, so z. B. das berühmte »Macht euch die Erde untertan« aus dem 1. Buch Genesis. Darüber ist schon so viel gesagt worden, daß an dieser Stelle nur historisch festzuhalten ist: Diese Anleitung wurde fast 2000 Jahre lang wörtlich genommen, ohne Abstriche. Sie bildet die Basis des christlichen Naturverständnisses bis in die heutige Zeit. Daran ändern die gegenwärtigen Versuche, den Herrschaftsauftrag als Mahnung zu pfleglichen Umgang auszulegen, nichts mehr. Die Vorstellung, daß der Mensch der Herr der Welt sei, ist längst tief im Unterbewußtsein verwurzelt und wirkt heute auch da machtvoll weiter, wo sie sich von ihrem religiösen Ursprung gelöst hat, in unserer Industrie und Technik, in unserer gesamten Haltung zur Natur als Rohstoff für unser Wohlbefinden. Und übrigens bestätigt der neueste offizielle Katechismus der katholischen Kirche ausdrücklich und in vollem Umfang die Lehre, daß die Welt samt den Tieren für den Menschen erschaffen worden sei.
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Einleitung
Mensch und Tier
oder Menschen und
Tiere
Vorchristliche
Konzepte
Exkurs: Die Taube
Pythagoras und
Empedokles
Von Aristoteles
zu den
Kirchenvätern
Das Judentum
Frühe
Christen /
Dogmatik /
Schlussfolgerung
Beginn der
Neuzeit /
Descartes
Das
Spieglkabinett
der Ethik
Kant, Bentham und
der Beginn des
Tierschutzes
Darwin und die
Moderne
Der schwere
Abschied /
Umweltschutz
Rechtsstellung
und Doppelmoral
Moderne
Ansätze und
Schluss

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