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Das Tier in Religion, Recht und Ethik
Vorchristliche Konzepte
Wie beliebig die Wertsetzungen sind, soll an dieser Stelle ein notwendigerweise stark verkürzter Rückblick auf einige vorchristliche Konzepte verdeutlichen, die unsere abendländische Kultur in ethischer oder religiöser Hinsicht nur am Rande berührt und kaum beeinflußt haben oder die von späteren Strömungen unfruchtbar gemacht wurden wie etwa die griechisch-römische Mythologie.
Ägypten
Beginnen wir im Alten Ägypten. Wenn wir einen Bildband ägyptischer Kunst durchblättern, fällt sofort die Fülle der tiergestaltigen Gottheiten auf. Ganz offensichtlich liegt dem eine andere Sichtweise auf die Tierwelt zugrunde. Tiere konnten heilig sein, göttlich sein, Götter sein. Der Schöpfungsgott Chnum wird als Widder dargestellt, die große Himmelsgöttin Hathor als Kuh oder mit einem Kuhkopf, Isis mit Kuhgehörn, der Isis und des Osiris Sohn Horus als Falke, der Totengott Anubis als Schakal und so in schier unüberschaubarer Zahl weiter in vielen regionalen Abwandlungen. Schadenstiftende und deshalb verdammte und preisgegeben Tiere kommen nach meiner Beobachtung überhaupt nicht vor, obwohl man sie sich in der Realität des Zusammenlebens im »wilden« Afrika ja nicht wegdenken kann. Nicht einmal das Krokodil verfällt dem Abscheu, es ist ein Gott. Vielleicht nicht alle Tierarten, aber offenbar die meisten, hatten einen geheiligten Status. Einen Zweckrationalismus kann man hier kaum erkennen allenfalls bei der Vergöttlichung der Katze als Göttin Bastet, deren Nützlichkeit als Mäusevertreiberin in dem Getreideland einleuchten würde. Aber da ihr Status sich nicht von dem der potentiell dem Menschen schädlichen Tiere unterscheidet, ist bei einer so modern trivialen Interpretation Vorsicht geboten. Die Schlange etwa ziert die Kopfbedeckung der Pharaonen und in der Praxis wurden Milchschälchen für Schlangen vor die Tür gestellt. Katzen wurden aus einem brennenden Haus als erste gerettet, wie der »aufgeklärte« griechische Historiker Herodot, der Ägypten im 5.Jh. v. Chr. bereiste, erstaunt berichtet. Er bezeugt auch, daß sich als Zeichen der Trauer um den Tod eines zum Haus gehörigen Hundes oder einer Katze alle Familienmitglieder kahlschoren. Die Ägypter waren ein Ackerbauervolk und hielten Tiere zur Arbeit, wohl auch zur gelegentlichen Ergänzung des Speiseplans durch Fleisch. Aber es ist schwer vorstellbar, daß sie so heilige Wesen wie den Stier, die Kuh, den Widder grausam behandelten oder mutwillig vernichteten, daß sie ihre Namen als Schimpfworte benutzten, oder Tiere überhaupt gewissenlos als Mittel zum Zweck betrachteten. Seine Götter und Göttinnen tritt man nicht in den Staub. Auf Tötung bestimmter Tiere stand die Todesstrafe. Der erste Satz des Bekenntnisses vor dem Totengericht, einer postmortalen Beichte, auf die man sich im Leben vorbereitete, lautet: »Ich habe kein Tier mißhandelt«.
Hinduismus
Auch alle indischen Religionen weisen den Tieren ihren Platz nicht unter den Füßen des Menschen zu. Der hinduistische Götterhimmel wimmelt von Tieren. Der besonders hochrangige Gott Ganesha ist sogar der Gott der Intelligenz und der Künste in Gestalt des Elefanten. (Er ähnelt in seinen Funktionen dem griechischen Apollon, der aber in Menschengestalt gedacht wird.) Die altindischen Veden wenden dem Haustier und insbesondere dem Rind eine so hohe Aufmerksamkeit zu, daß sich daraus das absolute Tötungsverbot des Hinduismus entwickelt hat und die quasi-religiöse Verehrung der Kuh, die sie auch ohne einen ritualisierten kultischen Status genießt. Das konsequente Rindfleischtabu in der Praxis ist für die Kuh vermutlich noch viel nützlicher... (Wenn Gandhi im 20. Jh. die Kuh als Mutter Indiens preist, läßt er bei aller Hymnik der Redeweise einen gewissen Nützlichkeitsaspekt anklingen die Kuh wird u. a. dafür gerühmt, daß sie die Kinder mit ihrer Milch ernähre, die Felder weich und fruchtbar mache und die Feuerstätten mit ihrem getrockneten Dung versorge. Das mag einen schonenden Umgang im ansonsten zulässigen Gebrauch tierlicher Kräfte und Fähigkeiten widerspiegeln, kann aber auch ein Zugeständnis an das Nützlichkeitsdenken der Engländer und des Westens sein, um ihnen die hohe Achtung vor der Kuh ein wenig begreiflich zu machen. Denn da das Verbot der Rindtötung längst auch alle anderen Tiere umfaßte, scheint eher eine spirituelle Motivation wahrscheinlich). Das absolute Tötungsverbot richtet sich nur an die höheren Kasten, besonders die Brahmanen. Die niederen und die kastenlosen Paria können ihr Karma mit Tiertötung und Tierfleischessen gelegentlich beschmutzen sie sind ohnehin noch sehr weit von der Erlösung.
Als Ganzes ist der Hinduismus ein für den westlichen Menschen fast undurchdringlicher Dschungel voller Verzweigungen und Widersprüche, auch zu unserem Thema. So gibt es die furchtbaren Blutopfer für die Göttin Kali (Durga), bei deren Festen sich auch Menschen vor ihren Wagen werfen und töten lassen, und andererseits die heiligen Ratten in Rajastan, etwa 20.000 allein im Tempelbereich Deshnoke, wo sie aus silbernen Schüsselchen mit süßem Reis gefüttert werden. (Deshnoke blieb übrigens als einziger Ort von der großen Pest des Jahres 1927 verschont, ebenso vor 2-3 Jahren von einer kleineren Pestepedemie in einer nahen Region, wie der insoweit unverdächtige »Spiegel« berichtete. Was wohl dafür spricht, daß Ratten die Pest nicht übertragen, wenn man sie nicht totschlägt.) So gibt es die Prüfung der Kindgöttin von Nepal, die (ähnlich wie der tibetische Dalai Lama) aus dem Volk erwählt wird: Das kleine Mädchen muß bei einer Tierschlachtung zusehen und darf keine Regung zeigen das ist das Zeichen ihrer Erwähltheit. Aber es gibt auch die Heiligen Affen, die in der modernen Großstadt Neu-Delhi frei herumtoben und manchmal die Büroangestellten der Ministerien zur Verzweiflung bringen, wenn sie ihnen durch das offene Fenster ihre Papiere oder das Frühstücksbrot klauen. Doch als der Stadtrat wegen solcher Vorfälle vor einigen Jahren beschloß, die Affen in ein anderes Gebiet zu verbringen, fand sich trotz der Zusicherung, daß der neue Wohnsitz, ein Park, den Tieren alle Freiheit ließe und daß keine Affenfamilie auseinandergerissen würde, niemand, auch nicht unter den Ärmsten der Armen, der bereit gewesen wäre, die gewaltsame Umsiedlung durchzuführen.
Buddhismus
Aber aus dem verwirrenden Hinduismus erwuchsen auch die leichter zugänglichen Blüten des Buddhismus und des Jainismus. Gautama Buddha lehrte im 6. Jh. v. Chr. die Verwandtschaft alles Lebendigen. Eng damit verbunden ist die Idee der Seelenwanderung, die besagt, daß jedes Tier einmal ein Mensch gewesen ist und wieder ein Mensch werden kann. Es ist hier nicht der Ort, sich mit der Seelenwanderungsidee auseinanderzusetzen. Nur insoweit ist sie für unser Thema interessant, als sie den erstaunlichsten und fruchtbarsten Ansatz für eine anständige Behandlung der Tiere geliefert hat, und auch die langlebigste. Sie ist auch heute wieder für manche europäischen und amerikanischen Tierschützer/innen die Quelle ihres Engagements, zuweilen auf dem Weg über diverse fragwürdige esoterische Vermittlung oder durch die direkte, zur Zeit sehr aktuelle, Hinwendung zum Buddhismus. Es ist von hier und heute aus schwer zu beurteilen, wie wörtlich die Reise der Seele von Körper zu Körper zu verstehen ist sicher nicht so, wie es sich einige in ihr Ego verliebte Schauspielerinnen oder Hausfrauen vorstellen, wenn sie glauben, einstmals als ägyptische Prinzessin schon auf dieser Welt geweilt zu haben. Man hat noch nie gehört, daß jemand sich als Ratte unter den Händen eines Vivisektors erlebt hat. Es wäre vielleicht denkbar, diesen Teil der Lehre Buddhas nach der Art zu interpretieren, die z.B Eugen Drewermann auf die Wunder und Legenden anwendet, die Jesus umranken nämlich unter der bildhaften Verkleidung den Kern herauszuschälen, der hier in der Einsicht in die tiefe Verwandtschaft, ja Einheit, aller Lebewesen liegen könnte. Wie bewußt die Buddhisten die Tiere in die Achtung vor dem Leben anderer einbeziehen, kann man in Asien z. B. daran sehen, daß auch Touristen vor dem Besuch eines buddhistischen Tempels alle Kleidungsstücke aus Leder, wie Schuhe, Taschen oder Gürtel, vor dem Eingang ablegen müssen.
Die Jaina
Als letzte der indischen Religionen oder Ideenlehren wollen wir noch kurz den Jainismus betrachten, einen Zweig des Buddhismus. Die Jaina vertreten und leben am konsequentesten die ebenfalls aus dem Füllhorn des Hinduismus stammende Lehre des Ahimsa, der Nichttötung und Nichtverletzung jedes menschlichen und tierlichen Lebens. Bei den Brachialpragmatikern unserer westlichen Kultur, die keine Fliege ungetötet lassen können und deren Lieblingswort »übertrieben« ist, ernten sie bestenfalls verständnisloses Kopfschütteln, wenn sie mit einem Mundschutz und einem Besen über die Straße gehen, um keinen Wurm, keine Ameise, keinen Käfer, keine Schnecke zu zertreten und nicht versehentlich ein Insekt einzuatmen. Weiter kann man nicht von den Höllenindustrien der westlichen Tierverwertung entfernt sein.
Griechische Mythologie
Für den griechisch römischen Kulturkreis möchte ich den religiös mythologischen Bereich nur kurz streifen, da er in der Ethik keine bleibenden Spuren hinterlassen hat. Bemerkenswert im Hinblick auf den Status der Tiere scheint mir nur der Hinweis, daß die uns vertraute griechische Mythologie, wie sie von Homer aufgezeichnet (und später von den Römern als Fertighaus plus lebendem Inventar komplett übernommen wurde), bereits eine patriarchalisch geprägte Überformung früherer Schichten ist. Aus diesen älteren Schichten finden sich viele Elemente, die weniger an die Ehrfurcht der ägyptischen Tierverehrung erinnern, dafür aber eine gewisse Familiarität spiegeln, ein Verhältnis, das auch gegenseitige Hilfe, gleichberechtigte Nähe und anverwandelnde Liebe kennt. Insofern ähnelt die griechische Götterwelt durchaus vielen, wenn nicht allen alten Kulturen, in denen Menschen, Tiere und Götter noch nicht scharf geschieden waren, Mensch, Natur und Kosmos eine Einheit bildeten. Ich erinnere hier an die Verwandlung von Daphne in einen Lorbeerbaum oder Narziß in eine Blume, an die Verwandlungen des Gottes Zeus in einen Stier oder Schwan oder seiner Geliebten Io in eine Kuh; oder daran, daß Zeus, als Kind ausgesetzt, von einer Ziege ernährt und beschützt wurde und nur dadurch überlebte. Diese Ziege bekam einen persönlichen Namen, Amalthea, und wird später zum Dank als Stern an den Himmel versetzt, (wo sie heute noch steht). Das gleiche Motiv findet sich bei Romulus und Remus in Rom, die von einer Wölfin gesäugt wurden. Auch Mischwesen wie Sphinxe, Sirenen und Kentauren zeugen von einer Vorstellungswelt, in der alles mit allem verbunden werden kann.
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der Beginn des
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