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Das Tier in Religion, Recht und Ethik
Moderne Ansätze und Schluss
Während die im 19. Jh. entstandene Tierschutzpraxis sich in einem Winkel des für den Menschen errichteten Moralgebäudes einrichtete, wo sie heute noch wohnt, begann eine neue ethische Idee an den Grundfesten zu sägen. Heute unter dem Namen »Tierrechtsbewegung » zusammengefaßt, begannen in der ganzen westlichen Welt in den 70er Jahren unseres Jahrhunderts Gedanken zu zirkulieren, die vor dem Hintergrund der abendländischen Geschichte als revolutionär bezeichnet werden müssen, obwohl sie gleichzeitig eine logische Konsequenz aus ihrem Elementen sind. Sie stammen aus den verschiedensten Quellen: aus den Denkerfahrungen der politischen auch umweltpolitischen -, der antirassistischen oder feministischen Arbeit, aus der Sensibilisierung für Benachteiligte, aus einer gewissen Renaissance urchristlichen Gedankenguts ebenso wie aus dem blanken Entsetzen über die langsam bekanntwerdenden Greuel der Industrialisierung der Tiere. In Deutschland waren die ersten breiteren Informationen über die Welt der Tierversuche der Auslöser. Aus diesen verschiedenen Schwerpunkten erklärt sich auch die Heterogenität der Bewegung und ihre oft beklagten oder verhöhnten Streitereien untereinander. Jedenfalls wurde die Diskrepanz zwischen den allgemeingültigen moralischen Maßstäben und der Behandlung der Tiere so unerträglich, daß die Wand, die beides künstlich auseinanderhält, Risse bekam.
Die Proteste entluden sich bald in Aktionen wie Tierbefreiungen, Demonstrationen, Laborbesetzungen, Jagdstörungen, Unterbrechungen von Zikusprogrammen, Selbstankettungen, dem Besprayen von Pelzschaufenstern und dgl.. Überall bildeten sich Gruppen, die mit selbsterfundenen Methoden die öffentliche Diskussion herbeizuführen suchten. Die noch junge Geschichte der Tierrechtsbewegung soll hier nicht erzählt werden. Interessant scheint mir aber die Tatsache, daß keine Vordenker oder Anführer an ihrem Anfang standen. Das charakterisiert ihren demokratischen Charakter in einer demokratischen Zeit, die sonst noch gern dazu neigt, sich von oben vorgefertigte Konzepte vorgeben zu lassen. Bezeichnend, wenn der österreichische Philosoph des Vegetarismus Helmut F. Kaplan erzählt, wie einsam er sich bei seiner jahrelangen Beschäftigung mit dem Thema fühlte und sich dann plötzlich mit einer breiten Bewegung »von unten« verbündet fand, die er gar nicht bemerkt hatte. Aus akademischen Kreisen kamen die Impulse nicht, schon gar nicht von den Lehrstühlen der Philosophie.
Inzwischen gibt es eine fast schon unübersehbare Flut von Publikationen, besonders aus England und den USA, in denen die Gedanken zu einer neueren Tierrechtsethik Konturen und Facetten gewinnen. Und es gibt eine ständig wachsende Zahl von Menschen, besonders von sehr jungen, die sie annehmen und in ihrem täglichen Leben zu verwirklichen trachten.
Erst vor rund 20 Jahren ist damit begonnen worden, auch auf professioneller Ebene ethische Konzepte für das Mensch-Tier-Verhältnis zu entwerfen, die dem heutigen Wissensstand adäquat sind und nicht auf der Stufe biologischer Ignoranz und religiöser Spekulation verharren. Die bekanntesten Vertreter sind der australische Philosophieprofessoren Peter Singer und Tom Regan in Amerika. Singer greift besonders in seinem großen Buch »Die Befreiung der Tiere« den politischen Ansatz der Gerechtigkeit, der Berücksichtigung der Interessen anderer, auf, den er erstmals artübergreifend ausführt. Sein Stichwort heißt »Speziesismus«, d. h. analog den Begriffen Rassismus und Sexismus die Bevorzugung einer Art, des Menschen, vor anderen Arten mit gleichen oder ähnlichen Interessen. Regans Hauptwerk, das bis heute nicht ins Deutsche übersetzt ist (!), heißt »The case for animal rights«. Sein gedanklicher Ansatz akzentuiert u. a. stärker Gesichtspunkte wie Menschenwürde und Tierwürde und die biologisch psychologische Verwandtschaft. Diese und mancherlei andere Konzepte und Teilaspekte sind in der Diskussion. Es gibt viele Wege, die von Rom wegführen und einen gerechten Platz für die anderen beseelten Wesen suchen, die mit uns den Planeten bewohnen. Weniger denn je ist es heute, bei einem hohen Stand des Wissens und der gesellschaftlichen Sensibilisierung für Recht und Unrecht, legitim, sich weiterhin als Despot aufzuführen. Die zweifellos eindrucksvolle, spezifisch der Menschengattung eigene Art der Intelligenz hat uns Autos und Computer beschert, aber in ihrem Kreisen um sich selbst ohne Rücksicht auf anderes Leben, von dem sie nur Teil ist, die Erde an den Rand ihrer Vernichtung geführt. Von den Grundlagen der noch immer herrschenden Selbstglorifizierung des Menschen bleibt schon nach flüchtiger Prüfung nichts übrig als nackter Eigennutz und Eitelkeit nicht gerade eine überzeugende Basis für eine Moral, die diesen Namen verdient.
Sina Walden
Über die Autorin
Sina Walden lebt nach abgeschlossenem Jurastudium (Berlin) und Studiengängen in Literatur und Philosohpie (Zürich) als freie Publizistin, Fernsehautorin und Übersetzerin in München und Italien. Im Rowohlt Verlag erschien ihr Buch »Endzeit für Tiere« (leider vergriffen).
Über diesen Text
Sina Walden hat diesen Artikel für Vorträge an Volkshochschulen erarbeitet. Wenn Sie die Autorin als Referentin für Ihre Institution gewinnen möchten, lesen Sie bitte unsere Seite Referentenservice.
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