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Ein Vortragstext von Sina Walden vorherige Seite Seite 13 / 15 vorherige Seite

Das Tier in Religion,
Recht und Ethik


 
Der schwere Abschied / Umweltschutz
 
Die ethische Einstellung zur Natur allgemein hat sich unter dem Stichwort »Umweltschutz« oder »ökologisches Denken« weiterentwickelt, zum größten Teil sogar erst in den letzten Jahrzehnten konstituiert. Das heißt, die Kenntnis der Fakten, wohin unsere bisherige Einstellung geführt hat und führen wird, hat eine neue Moral geboren, die vom Biotopschutz bis zur privaten Mülltrennung reicht. Wie mühsam die Umsetzung dieser neuen Moral vorangeht und gegen wie viele Widerstände sie zu kämpfen hat, brauche ich hier nicht auszuführen. Festzuhalten ist, daß die erkannte faktische Wahrheit eine Richtungsänderung der ethischen Gesinnung erzwungen hat.

Nur das Tier ist wieder einmal draußen vor der Tür geblieben. Hierin spiegelt sich seine eigentümliche Zwischenstellung. Nachdem es von der Seite der Götter vertrieben war, wurde es fast fraglos der »Natur« zugerechnet, »Flora und Fauna«. Da ist es auch bei den Umweltschützern geblieben. Deren Moral, und das ist die in Bezug auf Natur zunehmend gesellschaftlich herrschende, kümmert sich um Tiere nur als ökologisch wichtige Faktoren oder als aussterbende, bedrohte Arten. Die Erde soll vor der Zerstörung bewahrt werden, damit wir sie weiter nutzen können. Wasser sollen nicht chemisch vergiftet (oder überfischt) werden, damit der Mensch weiter fischen kann, die Erhaltung des Regenwalds soll unsere Luft retten. Wo Tiere vielleicht ökologisch nicht unverzichtbar sind, wie die Wale etwa, ist das beliebteste Argument, daß unsere Kinder und folgende Generationen sie noch sehen können. Kurz gesagt, die Umweltmoral ist weiterhin anthropozentrisch, wie schon der Name verrät. Sie entspricht etwa einem aufgeklärten Absolutismus.

Die Wissenschaft hat aber die Tiere dem homo sapiens immer näher gerückt. Was eigentlich schon immer von fühlenden und gut beobachtenden Menschen und von Kindern oder manchen Religionen gewußt und geahnt wurde, ist heute auf dem Boden der Tatsachen angelangt. Doch der Abschied von der hohen Stellung fällt ungeheuer schwer. Er geht an zwei konstitutive Elemente: das Selbstwertgefühl und den immensen Nutzen, den die Ausbeutung der Unterworfenen bringt.

Noch funktionieren tausend Tricks, um der Frage nach der moralischen Rechtfertigung unseres niederträchtigen Umgangs mit den Verwandten auszuweichen. Am besten funktioniert die Verdrängung. Man verdrängt die Faktizität der maßlosen Leiden, wo es irgend geht, man verdrängt das täglich wachsende Wissen um die ähnlichen oder oft identischen Strukturen des neurologischen Systems, des sensitiven Apparats, des Verhaltensrepertoires, die zwingend Schlüsse auf ein ähnliches oder oft identisches subjektives Erleben herausfordern, und man verdrängt die Notwendigkeit, moralische Folgerungen aus den Tatsachen zu ziehen. Lieber klammert man sich an den alten Aberglauben von dem riesigen Graben, der Menschen und Tiere trenne, an Lüge und Selbstbetrug, an tradierte Klischees. Am besten denkt man gar nicht über das Problem nach, am besten tut man so, als sei es nicht vorhanden. Äußerst bewährt ist auch die Abwendung ins Humoristische. Der Neubau der moralischen Einstellung zum Tier erscheint schon bei flüchtiger Betrachtung der Baustelle als titanisches Unternehmen. Wo muß man nicht überall umdenken! Wo muß man überall seine Gewohnheiten ändern! Ganze Industrien würden zusammenbrechen. Und am Ende hätte man nur Nachteile. Da ist es doch bequemer, gar nicht erst anzufangen.

So ähnlich muß es auch in den Köpfen der bevorrechtigten Klassen der Alten Welt rumort haben, als die Abschaffung der Sklaverei am Horizont auftauchte, die die ganze Antike fraglos hingenommen hatte und die – für unsicher werdende Gemüter – auch wieder Aristoteles mit bizarrer Gedankenakrobatik zu rechtfertigen verstand.
 
 


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Mensch und Tier
oder Menschen und
Tiere
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Exkurs: Die Taube
Pythagoras und
Empedokles
Von Aristoteles
zu den
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Das Judentum
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Dogmatik /
Schlussfolgerung
Beginn der
Neuzeit /
Descartes
Das
Spieglkabinett
der Ethik
Kant, Bentham und
der Beginn des
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Darwin und die
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Der schwere
Abschied /
Umweltschutz
Rechtsstellung
und Doppelmoral
Moderne
Ansätze und
Schluss

 
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