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Ein Vortragstext von Sina Walden vorherige Seite Seite 12 / 15 vorherige Seite

Das Tier in Religion,
Recht und Ethik


 
Darwin und die Moderne
 
Das Dogma von der menschlichen Vernunft als Krönung der Schöpfung überlebte unbeschadet auch den Ansturm der neuen Biologie, der Evolutionslehre, die Charles Darwin in die Welt gebracht hatte, und die man nach dem anfänglichen Wutgeheul langsam akzeptieren mußte. Selbst wenn die Abstammung des Menschen aus dem verachteten Tierreich, die innigste Verwandtschaft, nicht mehr zu leugnen war, ließ sich wenigstens ­­ein Erbstück aus dem zusammengebrochenen Gebäude der von Gott eingesetzten Herrlichkeit retten, um die Sonderstellung der Gattung Mensch neu zu befestigen: Das Ziel der Evolution sei das menschliche Bewußtsein. Darwin selbst, gewissenhaft und vorsichtig, wie dieser große Forscher war, hielt sich mit tollkühnen Behauptungen über den »Sinn der Schöpfung« zurück. Umso eifriger stürzten sich die frisch bekehrten Darwinisten auf die Chance, die Evolution als Stufenbau für die Pyramidenspitze Mensch zu interpretieren. So konnte der wacklig gewordene Thron erhalten werden, Mensch stand so oder so ganz oben. Verblüffenderweise hatte die Abstammungslehre eine noch größere Abwertung der Tierwelt zur Folge. Die »zurückgebliebenen« Verwandten wurden zu einer Vorstufe, zu Zulieferern des homo sapiens deklariert, von jedem religiösen Firlefanz wie Seele ohnehin entkleidet, zu biologischer Materie.

Die Zwangsvorstellung des Menschen, etwas ganz anderes zu sein und in jedem Fall etwas Besseres, machte sich immer wieder an neuen Kriterien fest. In den Eigenschaften, die Menschen zu – bzw. Tieren abgesprochen wurden, spiegelt sich der Zeitgeschmack. Waren es im 19. Jh. vorwiegend »sittliche Werte«, die das Anderssein begründeten – etwa Monogamie, Familiensinn, personale Bindungsfähigkeit statt »tierischer« Sexualität, Vertrags- und Gerichtswesen statt blind egoistischem »Kampf ums Dasein« (wie man ihn sich vorstellte), so flossen zunehmend populärwissenschaftliche Bruchstücke in den Dualismus ein: Zukunftsplanung, der aufrechte Gang, die Herstellung und Benutzung von Werkzeugen, Sprachvermögen, Gehirngröße usw. usw. (ironischerweise u.a. auch die Fähigkeit zu Mitleid und selbstlosem Verhalten). Die fast täglich in den Zeitungen oder im Fernsehen benutzte Redewendung »wie Tiere« bzw. »nicht wie Tiere« zeigt, wie tief all diese Klischees noch in unserem Gehirnspeicher abgelagert sind. Dabei befinden sich alle Grenzziehungen längst im freien Fall. Eine Fülle wissenschaftlicher Arbeit auf den verschiedensten Gebieten – z. B. Evolutionsforschung, die ja nicht 1871 stehen geblieben ist, Zoologie, Medizin Ethologie (Verhaltensforschung), Kognitionsforschung, Neurophysiologie, Molekularbiologie usw. bis hin zur Genforschung – hat alle eitlen Selbsteinschätzungen des Menschentiers längst unterminiert. Das alles kann hier  nur angedeutet werden. Sicher ist jedenfalls, daß die Idee einer sich zielgerichtet zum Homo sapiens auftürmenden Schöpfung tot und begraben ist.

Die Wissenschaft ist an die Stelle Gottes getreten, doch die Konstante des menschlichen Hochmuts ist so zählebig, daß er deren Befunde nicht zur Kenntnis nimmt. Trotz aller Einzelerkenntnisse, die inzwischen ganze Bibliotheken füllen, wird von wissenschaftlicher Seite nicht der Schritt unternommen, aus einer Zusammenschau die Schlußfolgerungen für eine neue Positionierung des Tiers zu ziehen. Zweckrationalisierung auch hier: Tiere sind in vielen Disziplinen das Objekt oder das Material. Würde man die eigenen Ergebnisse oder die der Kollegen berücksichtigen, müßte die »Entkernung« des Tiers, seine Wesenlosigkeit, seine Subjetktlosigkeit, als Denkfehler früherer Zeiten eingesehen werden – doch dann könnte man es nicht mehr als Objekt benutzen. Läßt man den blinden Fleck bestehen, muß man sein Gewissen nicht belasten. Wie praktisch, daß man dafür den Begriff der Wertfreiheit hat. Die Wissenschaftler/innen erklären sich in ethischen Fragen für nicht kompetent und überlassen es anderen Instanzen, ethische Schlußfolgerungen zu ziehen und ihnen ihre Grenzen zuzuweisen. Die aber gibt es nicht, jedenfalls noch nicht, und jedenfalls nicht auf dem Niveau der Autorität. So ist es bequem, die herkömmliche Wertsetzung beizubehalten, ohne sie zu hinterfragen. Und nicht zuletzt sind Forscher/innen ja selbst ganz normale Menschen und möchten weiterhin von der Fehleinschätzung der Tiere profitieren, beruflich und am Abendbrottisch. So funktioniert die Komplizenschaft mit der Mehrheit der Bevölkerung bestens. Die potentiellen Aufklärer/innen halten sich hinter dem Schild »Alles für den Menschen« bedeckt. Und damit hinter der dem Rassismus vergleichbaren Wahnidee »Wir Menschen sind eben einfach was Beßres« – was jedermann schmeichelt, der dazugehört. So sind alle zufrieden – und hier liegt der zweite Schlüssel zu der Antwort auf unsere Eingangsfrage: Wer von einem Unrechtssystem profitiert, wird nicht der erste sein wollen, der an seinen Fundamenten rüttelt. Und im Mensch-Tier-Verhältnis, das eine Diktatur darstellt, sind praktisch alle mit größeren oder kleineren Vorteilen eingebettet, man könnte auch sagen: bestochen. So gefährdet man den eigenen Vorteil, wenn man den des Mittäters zu hart anprangert. Mag ich auch keine Lust am Jagen haben, sondern vielleicht am Klavierspielen, das lustvolle Töten vielleicht sogar abstoßend finden, so muß ich doch die Objekte der Tötungslust herabsetzen und für unwesentlich erklären, da ich mir doch ähnliche Objekte gern mit meinen Kindern sonntags in ihrem Gefängnis im Zoo anschaue, nachdem ich andere ähnliche Objekte zu Mittag verspeist habe. Mag ich auch als Fernsehzuschauer die scheußlichen Rindertransporte empörend finden, so möchte ich doch die »schicke« Ledercouchgarnitur für mein Wohnzimmer kaufen. Die Aufwertung der Mißhandelten oder ums Leben Gebrachten darf nie so weit gehen, daß die Ähnlichkeit mit Verbrechen an Menschen deutlich wird. Es liegt also im eigenen Interesse, und sei es nur das des Selbstwertgefühls als höheres Wesen, wenn man die Tschernomyrdins gewähren läßt und sie nicht Lustmörder nennt.
 
 


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oder Menschen und
Tiere
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Pythagoras und
Empedokles
Von Aristoteles
zu den
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Das Judentum
Frühe
Christen /
Dogmatik /
Schlussfolgerung
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Das
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der Ethik
Kant, Bentham und
der Beginn des
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Darwin und die
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Der schwere
Abschied /
Umweltschutz
Rechtsstellung
und Doppelmoral
Moderne
Ansätze und
Schluss

 
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