Der nicht sehr fromme, aber an die Vernunft glaubende Anthropozentriker Immanuel Kant gibt immerhin die erste ethische Anleitung zu einer anständigen Behandlung von Tieren vom Philosophenkatheder aus. Er erklärt Rohheit gegen Tiere für unmoralisch. Dies aber nicht, weil er Tiere zu Subjekten ihres Lebens und Fühlens erhebt, sondern weil Rohheit gegen sie den Menschen verrohe.
Rousseau schloß in seinem sehr einflußreichen gesellschaftskritischen System, das unter dem Schlagwort »Zurück zur Natur« berühmt wurde, das Mitgefühl für Tiere, ihre Anerkennung als eigene Wesen ein. Mitfühlende Sentenzen und logische Argumente finden sich auch bei dem Aufklärer Voltaire, bei Schopenhauer und Nietzsche. (Bezeichnenderweise sind sie alle keine Christen.) Die Lust am Fleisch verbiegt aber auch hier manchmal die Logik zu bizarren Verrenkungen.....
Politisch akzentuiert, aus dem Geist der Französischen Revolution und den von ihr machtvoll vorangetriebenen Ideen von Gleichheit und Gerechtigkeit, formulierte der englische Philosoph Jeremy Bentham (Lebensdaten etwa wie Goethe) den klassischen Satz, der in keiner Betrachtung über Tierethik fehlen darf:
»Der Tag wird vielleicht kommen, an dem der Rest der belebten Schöpfung jene Rechte erwerben wird, die ihm nur von der Hand der Tyrannei vorenthalten werden konnten. Die Franzosen haben bereits entdeckt, daß die Schwärze der Haut kein Grund ist, ein menschliches Wesen hilflos der Laune eines Peinigers auszuliefern. Vielleicht wird eines Tages erkannt werden, daß die Anzahl der Beine, die Behaarung der Haut oder die Endung des Kreuzbeins ebensowenig Gründe dafür sind, ein empfindendes Wesen diesem Schicksal zu überlassen. Was sonst sollte die unüberschreitbare Linie ausmachen? Ist es die Fähigkeit des Verstandes oder vielleicht die Fähigkeit der Rede? Ein voll ausgewachsenes Pferd aber oder ein Hund ist unvergleich verständiger und mitteilsamer als ein einen Tag oder eine Woche alter Säugling oder sogar als ein Säugling von einem Monat. Doch selbst wenn es anders wäre, was würde das ausmachen? Die Frage ist nicht: können sie verständig denken? oder : können sie sprechen? sondern: können sie leiden?«
Aus solchen der politischen Erfahrung abgelauschten Vorstellungen von Gleichheit und Gerechtigkeit haben sich erst in der allerjüngsten Zeit Denkansätze für eine neue Tierethik entwickelt. Die ersten Tierschutzgedanken, die in die Praxis umgesetzt wurden, stammten eher aus den verschütteten Quellen christlicher Barmherzigkeitsmoral. Sie begann sich erstmals Anfang des vorigen Jahrhunderts auf die Tierwelt auszudehnen.
Die ersten Tierschutzvereine wurden von Pfarrern gegründet, von protestantischen allerdings. Pietisten, Quäker, Puritaner bildeten eine (bescheidene)Tierethik aus. In England ging 1821 der erste Entwurf eines Abgeordenten zum Schutz der Esel und anderer Arbeitstiere im Hohngelächter des Parlaments unter. »Womöglich will der noch ein Gesetz zum Schutz von Hunden und Katzen einführen!« schrien Mitglieder in dem Hohen Haus dem Abgeordenten Martin unter dem Gejohle der Parlamentarier zu. Aber ein Jahr später wurde dann doch das erste Tierschutzgesetz der Welt beschlossen. Hier war der pragmatisch politische Weg eingeschlagen, der schließlich in Europa mit einem starken Gefälle von Nord nach Süd zu greifen begann. (Spanien hat erst seit 1991 ein spärliches Tierschutzgesetz). Parallel dazu entwickelte sich eine breite Literatur, in Familienzeitschriften, Kalendern, pädagogischen Schriften und Kinderbüchern, die Liebe und Mitgefühl für Tiere vermittelte und insgesamt ein Ende der Mißachtung und Nichtwahrnehmung der Tierwelt signalisiert. Besonders die einmütige Verdammung aller Grausamkeit beendete auf Dauer die offene Rohheit auf den Straßen in unseren Breiten. Diese Welle eines ethischen Umdenkens kam nicht von oben, sondern aus dem Volk, aus bescheidenen Pfarrhäusern und ihren Gemeinden, meist von Frauen. Aber eben hierdurch stieß sie an ihre Grenzen. Den Frauen gestand das 19. Jh. Tugenden wie Milde und Sanfmut zu, beugte sich ihnen gutmütig von oben herab ein wenig entgegen; einfache fromme Leute ließ man gewähren, lobte ihren »sittigenden« Einfluß. Aber in die Sphären der Macht ließ man sie nicht eindringen. Die »wichtigen« Dinge der Männerwelt tangierten die braven Tierschützer/innen nicht wirklich die Wissenschaft, die Politik, die Geschäfte, der Krieg, die geistige Welt standen haushoch über den karitativen Betätigungen für die nach wie vor als unwichtig angesehenen Tiere. Ein Spielplatz für gute Herzen, aber ohne jede Relevanz.