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Das Tier in Religion, Recht und Ethik
Das Spieglkabinett der Ethik
Die übrigen Philosophen und Ethiker der Neuzeit können wir im Rahmen dieser Übersicht vernachlässigen. Die zum beherrschenden Prinzip gewordene Anthropozentrik hatte ihre tiefen Schneisen in das Denkvermögen geschlagen. Ob mehr oder weniger gläubig, mehr oder weniger cartesianisch, haben sie alle die Hochschätzung des Menschen und die Geringschätzung der Tiere verinnerlicht. Die »entkernten« Tiere kommen kaum noch vor, sie sind das ganz und gar Unwichtige. In den folgenden Jahrhunderten kommt es zwar nochmal zu einigen Betrachtungen über die Vernunft und Seele der Tiere, die zum Teil recht sinnvolle Einsichten zeigen, etwa bei Leibniz oder David Hume, aber sie verheddern sich alle in dem unmöglichen Versuch, die festgelegten Ansichten über das Vernunftwesen Mensch mit den partiell aufgegriffenen Wahrheiten über Tiere zu verbinden. Vor allem aber in dem Bemühen, die herrschende Praxis des Tiergebrauchs und des Tötens und Essens von Tieren irgendwie zu rechtferigen, zu »rationalisieren«. Hier tobt sich eine Rabulistik der aberwitzigsten Begründungen aus, die eher einer Kuriositätenschau gleicht als den erhabenen Gefilden der Philosophie. (Das Gleiche läßt sich übrigens auch von den Verlautbarungen der Gilde über Frauen sagen...) Letztlich erweist sich für alle großsprecherischen Ethiker doch der Braten als wichtiger als eine saubere Logik. Der gute Fichte fordert sogar dazu auf, alle Wildtiere als schädlich oder unnütz auszurotten. Ein Gedanke übrigens, der später von manchen Marxisten übernommen wurde. Alle Wahrheitssuche spiegelt in tausend Facetten nur den Menschen.
Vor allem aber eins: Kein einziger der öffentlich Denkenden nimmt sich der Not der Tiere an, keiner bemüht sich um Verhaltensanweisungen für ihre Behandlung, von den Anforderungen an sich selbst ganz zu schweigen. Keiner errichtet ein Denksystem, das die Tiere einbezieht oder ihnen auch nur ein eigenes kleines Häuschen im Weltbild einrichtet. Albert Schweitzer hat diesen Tatbestand so unnachahmlich formuliert, daß er wieder einmal zitiert werden soll:
»Wie die Hausfrau, die die Stube gescheuert hat, Sorge trägt, daß die Tür zu ist, damit der Hund nicht hereinkomme und das getane Werk durch die Spuren seiner Pfoten entstelle, also wachen die europäischen Denker darüber, daß ihnen keine Tiere in der Ethik herumlaufen«.
Die gescheuerte, aufgeräumte Stube aber ist die totale Anthropozentrik auf der Linie Aristoteles Augustin Descartes.
Die Ausnahmen in diesem Spiegelkabinett, das immer nur das eigene Bild zurückwirft, sind fast an einer Hand aufzuzählen. Da ist etwa im 16. Jh. der französiche Schriftsteller, Michel de Montaigne, ein finanziell und gesellschaftlich unabhängiger freier Denker, der den Dünkel des Menschen auf seinem selbsterbauten Thron scharfsinnig analysiert und zu einer Gleichberechtigung der anderen Geschöpfe aufruft. Da ist vor allem das Jahrhundertgenie Leonardo da Vinci. Ohne religiöse Verankerung oder Seelenwanderungsideen kam er, der Wissenschaftler und Künstler zugleich war, zu seinen Überzeugungen. Er lebte vegetarisch, kaufte Vögel auf dem Markt von Florenz auf, um sie freizulassen und mußte sich manchen Spott gefallen lassen, weil er die artübergreifende Ethik in die Praxis umzusetzen suchte. Von ihm ist das Wort:
»Der Tag wird kommen, an dem das Töten von Tieren genauso als Verbrechen beurteilt werden wird, wie das Töten von Menschen«.
Franz von Assisi und andere Christen
Auf dem Boden der theologischen Dogmatik und ihrer extremen Anthropozentrik konnte keine Tierethik gedeihen. Auch die reformatorischen Taten von Luther und Calvin haben insoweit nichts verändert. Die einzige große innerchristliche Erneuerungsbewegung, die immerhin vom 10.bis zum 14. Jh. den Herrschenden das Leben schwer machte, die Katharer oder Albingenser, die neben anderen programmatischen Änderungsbestrebungen die Tiere in ihre Ethik einbezogen, wurden mit Feuer und Schwert verfolgt und schließlich in blutigen Kriegen ausgerottet. Die Katharer waren Vegetarier; von ihnen, den Häretikern, leitet sich das Wort »Ketzer« ab. Nach ihrer physischen Vernichtung bewahrt nur ein gezielt verzerrtes Bild eine schwache Erinnerung an sie.
Im übrigen schritt im Mittelater die »Entseelung« der Tiere weiter und weiter voran, und entsprechend die Verrohung der Bevölkerung ihnen gegenüber. An dieser Stelle müssen wir einen Blick auf Franz von Assisi werfen, die »singuläre Lichtgestalt«, (wie der Kirchenkritiker Karlheinz Deschner ihn nennt), der bis heute von frommen Tierfreunden als ihr Zeuge aufgerufen wird. Bei genauerer Betrachtung seiner Texte wobei wir die über ihn erzählten Legenden durchaus mitrechnen wollen, da sie sein Bild bestimmen -, merkt man, daß er eher einem fast pantheistischen Glauben folgte, der Gottes erhabene Schöpferkraft in allen Erscheinungen der Welt sah und daher alles als anbetungswürdig und beschützenswert ansah. Immerhin schloß er die Tiere nicht aus und entzückte sich an ihnen. Für religiös empfindende Menschen bietet er tatsächlich einen Ansatzpunkt, Christentum und Mitgeschöpflichkeit zu verbinden. Der Protestant Albert Schweitzer schließt mit seinem Begriff »Ehrfurcht vor dem Leben« hier an, und viele moderne Christen haben diesen Ansatz aufgegriffen. Auf direktem Weg freilich blieb seine Lehre, die Einbeziehung der Geschöpfe in die Ehre des Schöpfers, seit seinem Erdenwandel (Anfang des 13. Jh.) ebenso folgenlos wie seine Lehre von der Bedürfnislosigkeit. In Franziskaner/innenklöstern werden heute Hühnerbatterien betrieben und Schweine auf Spaltenböden gehalten. Franziskus von Assisi ist ein Alibi, die »Weiße Rose« der Kirche. Man muß sich eher wundern, daß er nicht exkommuniziert oder verbrannt worden ist. Stattdessen wurde er heiliggesprochen und damit der irdischen Realität entrückt: ähnlich wie St. Hubertus, der ganz normal für einen Bischof der Jagd frönte, davon aber tief erschüttert abließ, als ihm der gekreuzigte Jesus im Geweih eines Hirsches erschien, den er gerade erlegen wollte: Die Botschaft des Wunders wurde in verblüffender Weise aufgenommen man machte Hubertus zum Patron der Jäger.
Was auffällt, ist die jahrhundertelange Abwesenheit vernehmlicher Kritik an der Tiermißachtung aus jenem anderen Strang des Christentums, der die ursprüngliche Lehre und die Urgemeinden charakterisiert, aus Nächstenliebe, Mitgefühl und Barmherzigkeit.
Nicht einmal die Maßlosigkeit wird gerügt, so tief ist die Abwertung des Tiers schon Teil des kollektiven Bewußtseins geworden. In den besonders grauenhaften Zeiten des Barock, in dem sich die Fürstlichkeiten aller europäischen Länder Menagerien »wilder« Tiere wie Löwen, Bären, Elefanten zulegten, die jeder Beschreibung spotten, (und von denen unsere Zoos abstammen), gab es massenhaft Vergnügungen, die an das Alte Rom erinnern, z. B. die »Prell-Spektakel«, bei denen Füchse, Dachse, Katzen und was man so hatte, in einem Netz so oft auf den Boden geschleudert wurden, bis sie mit gebrochenen Gliedern zu Tode gematscht vor dem begeisterten höfischen Publikum die Seele aushauchten die ja nach der gelehrten »göttlichen Ordnung« nicht vorhanden war. (Diese Ordnung hatte doch auch die absolutistischen Herrscher »von Gottes Gnaden« auf ihren Thron gesetzt !) Gegen Unterhaltungen solcher Art und gegen die wahnwitzigen Jagden, bei denen nach einem größeren Ausflug schon mal Zehntausende Opfer »auf der Strecke« blieben, (ein Vergnügen, das auch im 19. und bis in unser Jahrhundert, bis heute, populär war beim Adel und den bürgerlichen Reichen, die dazugehören wollten), gab es keinen lauten Protest aus christlichem Mund, keinen moralischen Appell, die Massaker zu beenden. Kaiser Franz Josephs Bürokarten listeten allein 300 000 Tiere auf, die seine Majestät eigenhändig erschossen hatte, ebenso viele von Erzherzog Franz Ferdinand, dem Thronanwärter, dessen eigene Erschießung den 1. Weltkrieg auslöste.
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