Ein Mann steht eines Morgens auf, sehr früh, rasiert sich vermutlich, frühstückt, steigt in ein bereitstehendes Flugzeug und fliegt in den Norden seines Landes. Dort begibt er sich plangemäß zu der Wohnung einer Familie, holt eine Mutter mit ihren zwei Kindern aus dem Tiefschlaf und erschießt alle drei nacheinander. Befriedigt läßt er sich wieder zurückfliegen und begibt sich zur gewohnten Arbeitszeit an seinen Schreibtisch.
Ein Terrorist? Ein psychopathischer Mörder? Ein Geheimagent im Dienst einer Diktatur? Aber er wird nicht gesucht, nicht verfolgt, ihm droht keine Strafe. Sein Name ist bekannt, seine Tat wurde nicht heimlich verübt. Im Gegenteil, sie steht in den Zeitungen der ganzen Welt. Der Mann genießt hohe Ehren in einem Land mit demokratischer Verfassung, höchste sogar, auch international: Zur Tatzeit war er Ministerpräsident der Republik Rußland. Warum aber wird er keiner Strafverfolgung ausgesetzt, warum erhebt sich keine weltweite Empörung? Nun, ganz einfach: Die von ihm ermordete Familie hieß Bär. Eine Bärenmutter mit ihren Kindern, die ahnungslos in ihrer Eishöhle in arktischer Einsamkeit im Winterschlaf lag. Und Viktor Tschernomyrdin hatte doch nur seinen Spaß gehabt.
Damit gerät die Tat, die uns eben noch so schrecklich schien, in eine andere Kategorie. Wir sind erleichtert. Viele werden schmunzeln. Wir sind doch alle Tschernomyrdin, »ein jeglicher nach seiner Art«. Mit unserer Zustimmung oder in unserem Auftrag, mit unserer Duldung erschießen schließlich Millionen Jäger Millionen Tiere, erstechen Millionen Schlächter Millionen Tiere. Wären die Opfer Angehörige der Gattung Mensch, hätten wir sofort die Vokabeln Mord, Massenmord, Lustmord zur Hand, samt den dazugehörigen Gefühlen und Gesetzen. Was millionenfach in den Versuchlabors geschieht, würden wir himmelschreiende Folter nennen, die millionenfache Gefangenhaltung von Tieren in Stallungen, Batterien, Käfigen, in Zoos und Zirkussen, in Kellerverliesen und Zierfischgläsern, an Stricken und Eisenketten, in Dunkelhaft, in lebenslanger Isolation oder in überfüllten Pferchen würde die Einstufung als »schwerer Kerker« verdienen, eine Strafmaßnahme, die in allen zivilisierten Staaten längst verboten ist, selbst für Schwerverbrecher.
Ich erspare Ihnen und mir Einzelheiten, die zu schildern ein Jahr oder eine Enzyklopädie nicht ausreichen würde. Sehr viele Einzelheiten sind aber allen bekannt, früher öfter durch eigene Anschauungen und Erzählungen, heute durch alle Informationsmedien, von der Boulevardzeitung, dem Fernsehen, dem Sachbuch bis zum Internet, auf jedem Verständnisniveau. Niemand, buchstäblich niemand, kann behaupten, er wüßte nichts von dem, was Tieren durch den Menschen widerfährt. Wir haben von Kind an gelernt, das alles für selbstverständlich zu halten. Ich erspare Ihnen auch Zahlenangaben, da jede/r weiß, daß es um Millionen geht, die sich zu Milliarden und Billionen summieren. Wir wollen eher den Blick darauf lenken, daß Leiden, Schmerzen und gewaltsamer Tod immer nur von Individuen, vom Einzelwesen, erlebt werden. Die Evokation der Millionen, Milliarden, Billionen dient aber dem Zweck zu betonen, daß es sich nicht um »Peanuts« handelt, um ein bißchen Tierquälerei, eher unbedeutend in einer auch sonst recht unvollkommenen Welt, ein randständiges Faktum, das man getrost einigen daran speziell Interessierten überlassen könnte. Wir sprechen nicht von den Ausnahmen, sondern von der Regel.
Und noch über die gigantische Größenordnung hinaus möchte ich behaupten, daß hier ein Problem von allergrundsätzlichster Bedeutung für das Selbstverständnis des Menschen gegeben ist, mit sehr konkreten Auswirkungen auf die sogenannte »Natur«, auf die kollektive Psyche und auf die Zukunft des Planeten.
Die Frage, die sich an das beliebige Beispiel des Bärentöters anschließt, lautet: Was unterscheidet Tiere so grundsätzlich von Menschen, daß unser moralisches Empfinden und unser Rechtssystem jene nicht nur geringer bewertet, sondern fast alles, was wir unter Moral und Recht verstehen, geradezu auf den Kopf stellt, wenn es um Tiere geht?
Da Moral und Rechtsbegriffe nicht unmittelbar aus der Natur hervorgehen, handelt es sich um Kulturgüter, die wie alles von Menschen Gemachte der geschichtlichen Entwicklung unterliegen. Der irgendwann einmal erfolgte Input entfaltet seine eigenen Gesetzmäßigkeiten, nebst vielfältigem Wildwuchs. Konventionen und Traditionen bilden sich auf religiösen, wirtschaftlichen, politischen oder zufälligen Fundamenten und haben oft ein zähes Eigenleben, auch wenn die Fundamente längst weggebrochen sind.
Die konstitutiven Faktoren unserer eigenen Kulturgeschichte sind, wie uns allen bekannt ist, die christlich-jüdische Religion und die griechisch-römische Antike. Wir müssen daher der Frage nachgehen, wo hier die Wurzeln liegen mögen, die das Tier von dem ethischen Kodex abgesprengt haben, der im menschlichen Bereich immerhin Errungenschaften wie das Bemühen um Gerechtigkeit, Gleichheit vor dem Gesetz, die Berücksichtigung von Schwachen und Behinderten, die Ächtung der Grausamkeit, humanitären Einsatz oder die Allgemeingültigkeit der Menschenrechte hervorgebracht hat. Ich nehme den Einwand vorweg, daß ja auch die Menschenrechte wahrhaftig nicht so herrlich funktionieren, wie sich das auf dem Papier der Verfassungen liest; und daß keineswegs jeder Mensch in allen Punkten alle ethischen Werte befolgt; und daß unser Jahrhundert als vorläufiger Endpunkt der abendländischen Kulturentwicklung mehr Leichenberge und Konzentrationslager produziert hat, als je ein Jahrhundert zuvor. Trotz dieser unbestreitbaren Tatsachen kann jedoch auch nicht bestritten werden, daß es ein Grundgerüst anerkannter Werte gibt, die in ruhigeren Zeiten durchaus wirkungsmächtig sind und auch bei starkem Gegenwind nicht ihre Gültigkeit verlieren. Uns beschäftigt hier nur die Frage, warum die Tiere nicht in dieses Grundgerüst elementarer Wertsetzungen eingebunden sind, wie es dazu gekommen ist, und ob sich daran etwas ändern läßt.